Im Armenviertel: Touristen auf den Spuren von «Despacito»
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Im ArmenviertelTouristen auf den Spuren von «Despacito»

Dort, wo das Musikvideo zum Sommerhit des Jahres gedreht wurde, tummeln sich inzwischen die Schaulustigen. Auch wenn die Gegend keinen guten Ruf hat.

Noch vor ein paar Jahren wagten sich kaum Fremde nach La Perla, doch spätestens seit dem Mega-Hit «Despacito» der Puertoricaner Luis Fonsi und Daddy Yankee ist alles anders: Nun strömen Touristen aus aller Welt in die engen Gassen des ehemals verrufenen Küstenviertels der puertoricanischen Hauptstadt San Juan, wo das Rekord-Video gedreht wurde.

Mit der Rekordmarke von drei Milliarden Klicks seit Jahresbeginn ist der Clip kürzlich zum meistgeschauten Video auf YouTube avanciert, am Samstag hatte er bereits die Drei-Milliarden-Marke überschritten. Der «Despacito»-Clip hängte «See You Again» von Wiz Khalifa und Charlie Puth ab - und machte das einst für Drogenhandel und Gewalt berüchtigte Viertel La Perla zum Touristen-Hotspot.

Auf die Frage «Despacito?» zeigen die Einwohner bereitwillig die Drehorte des Videos - die Felsen am Meer, wo Fonsi den Refrain singt, den Küstenweg, den die frühere Miss Universe Zuleyka Rivera erotisch entlangschlendert, den kleinen Platz zwischen bunten Häusern, wo Männer Domino spielen - und Tische und Stühle in der Realität aussehen wie im Video.

Armenviertel wird zum Touristenhotspot

«Ich bin wegen des Videos hier», sagt die 28-jährige Lehrerin Jennifer Adams aus dem US-Staat North Carolina. «Ich habe es oft angesehen und wusste wohin, habe Fotos gemacht und versucht zu tanzen.» Auch Riveras sexy Strandspaziergang habe sie versucht nachzuahmen, sagt sie lachend. Jetzt will sie den Songtext lernen, um den Sommerschlager beim Karaoke zu singen. Eine schwedische Touristin macht Selfies vor den berühmt gewordenen Felsen, ein marokkanischer Tourist spaziert die «Despacito-Küste» entlang, wie der Streifen an der Ufermauer nun in Touristen-Prospekten genannt wird.

Nach Angaben von Regisseur Carlos Perez hatten Fonsi und Daddy Yankee eine klare Vorstellung davon, was sie suchten: «Die Schlüsselworte waren Kultur, Sinnlichkeit, Farbe und Tanz. Im Wesentlichen wollten wir in einem Viertel filmen, das diese Qualitäten hatte.» Die kleinen Häuschen von La Perla drängen sich ausserhalb der Stadtmauer, zwischen der malerischen Altstadt Old San Juan mit ihren Kolonialbauten und der Küste. Mit 1600 Einwohnern ist es eine der ärmsten Gemeinden San Juans mit dem Drogenhandel als beherrschendem Wirtschaftsfaktor. Auf dem US-Empfehlungsportal Yelp warnen Nutzer vor den Gefahren: «Bitte geht dort nicht hin! Es ist NICHT SICHER!», schrieb Gaby G vor drei Jahren.

Bald schon geführte Touren

Doch dies änderte sich dank der Bemühungen der Gemeinde, die in diesem Jahr eine kommunale Bäckerei gründete, zwei Gemüsegärten anlegte und umgerechnet rund 80'000 Franken von privaten Geldgebern einsammelte, um 402 Häuser in lebhaften Farben anzustreichen. Der Erfolg von Despacito war ein Zufall, der «vom Himmel fiel», wie die Vorsitzende des Stadtrats, Yashira Gómez, sagt. Nun will die Gemeinde ein Unternehmen gründen, das geführte Touren mit historischem Schwerpunkt vermarktet.

Im Mai, fünf Monate nach Erscheinen des Clips, sei die Auslastung der Hotels um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen, betont José Izquierdo, Geschäftsführer der staatlichen Puerto Rico Tourism Company. Und das Suchportal Hotels.com verzeichnete 2017 einen 45-Prozent-Anstieg bei den Suchanfragen nach Hotelzimmern in Puerto Rico. Das US-Aussengebiet kann Touristen gut gebrauchen, im Mai hatte es aufgrund seiner Schuldenkrise Insolvenz angemeldet.

(afp)

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