Auf Bergstrassen überfordert: Touristen bringen hiesige Autofahrer in Rage
Aktualisiert

Auf Bergstrassen überfordertTouristen bringen hiesige Autofahrer in Rage

Einheimische ärgern sich über überforderte Touristen auf Berner Oberländer Strassen. Sie vermuten eine allzu lockere Bewilligungspraxis der Autovermieter. Diese wehren sich.

von
Simon Ulrich
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Auf den engen und kurvigen Strassen im Berner Oberland scheinen nicht alle Touristen gleichermassen zurechtzukommen.

Auf den engen und kurvigen Strassen im Berner Oberland scheinen nicht alle Touristen gleichermassen zurechtzukommen.

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Insbesondere LKW-Chauffeure ärgern sich über die touristischen Autofahrer. «Sie parkieren mitten auf der Strasse und machen Fotos», sagt Erwin Seewer, Geschäftsleiter eines Oberwiler Bauunternehmens.

Insbesondere LKW-Chauffeure ärgern sich über die touristischen Autofahrer. «Sie parkieren mitten auf der Strasse und machen Fotos», sagt Erwin Seewer, Geschäftsleiter eines Oberwiler Bauunternehmens.

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Touristen in Mietautos seien «kein offizielles Problem», sagt Dominik Hänni, stellvertretender Geschäftsführer von Lenk-Simmental Tourismus. Dennoch räumt er ein, dass Beobachtungen wie jene von Battocletti und Seewer «nicht aus der Luft gegriffen» seien.

Touristen in Mietautos seien «kein offizielles Problem», sagt Dominik Hänni, stellvertretender Geschäftsführer von Lenk-Simmental Tourismus. Dennoch räumt er ein, dass Beobachtungen wie jene von Battocletti und Seewer «nicht aus der Luft gegriffen» seien.

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Anne Battocletti aus Zweisimmen ist viel unterwegs. Als Leiterin diveser Seniorensport-Gruppen fährt sie regelmässig durch das Simmental, bis nach Saanen und Bulle. Auf den Strassen der idyllischen Gegend ist es ihr aber zunehmend unwohl. Grund sind Touristen und ihre Mietwagen. «Viele sind total überfordert auf den engen und kurvigen Strassen. Sie mieten zwar immer grössere Autos, beherrschen sie aber nicht», findet Battocletti. So beobachte sie immer wieder Lenker, die mitten auf der Strasse fahren und den doppelt durchgezogenen Mittelstreifen überschreiten. «Man könnte meinen, sie halten die Linie für einen Wegweiser, auf dem man fahren kann.»

Böse Absicht will Battocletti den Touristen nicht unterstellen. «Sie haben einfach Angst, weil sie nicht an die engen Strassenverhältnisse gewöhnt sind», sagt sie. Hier nimmt sie die Autovermieter in die Pflicht. «Anstatt die Touristen über Strassenverkehrsregeln und -verhältnisse zu informieren, reiben sie sich nur die Hände über teure Vermietungen von möglichst grossen Schlitten», meint sie.

Viele Mietautos mit AI-Kennzeichen

Berufsleute aus der Region bestätigen Battoclettis Beobachtungen. Bei den betreffenden Touristen handle es sich vielfach um Asiaten und Inder, sagt Erwin Seewer, Geschäftsleiter eines Oberwiler Bauunternehmens. «Sie parkieren mitten auf der Strasse und machen Fotos. Das treibt unsere LKW-Chauffeure zur Weissglut», sagt er.

Angesichts der abenteuerlichen Fahrweise habe er bei manchen Lenkern grosse Zweifel, ob diese überhaupt im Besitz eines gültigen Führerscheins seien. Auch Seewer vermutet eine allzu lockere Praxis bei den Vermietungsfirmen. «Denen ist egal, wer fährt. Da gehts nur ums Geld», ist er sicher. Es handle sich insbesondere um Mietautos mit AI-Kennzeichen Appenzell Innerrhoden. «Dort sind die Fahrzeugsteuern am niedrigsten», so Seewer.

«Kein offizielles Problem»

Bei Lenk-Simmental Tourismus äussert man sich vorsichtig zum Thema. Touristen in Mietautos seien «kein offizielles Problem», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Dominik Hänni. Dennoch räumt er ein, dass Beobachtungen wie jene von Battocletti und Seewer «nicht aus der Luft gegriffen» seien. Eine gefährliche Fahrweise will er den Touristen nicht unterstellen. «Ich habe vielmehr den Eindruck, dass sie aus Respekt vor den kurvigen Bergstrassen zu langsam und vorsichtig fahren», sagt Hänni.

Man müsse ausserdem bedenken, dass die Lenker mit einem fremden Fahrzeug und fremden Signalisationen zurechtkommen müssten, mahnt der 32-Jährige. Unabhängig vom Fahrstil sei in der Region eine eindeutige Zunahme an Mietautos festzustellen, die insbesondere auf den Zustrom arabischer Gäste zurückzuführen sei.

Autovermieter weisen Vorwürfe zurück

Dem Autovermieter-Verband der Schweiz ist das Problem überforderter Touristen in Mietwagen nicht bekannt. Zudem weist er den Vorwurf der zu lockeren Vergabe-Praxis zurück. «Die Lenker müssen selbstverständlich einen Führerschein vorweisen, und den fordern die Vermietungsfirmen auch konsequent ein», sagt Vizepräsident Daniel Hochreutener. Wohin und wie gut die Touristen tatsächlich Auto fahren, entziehe sich schlichtweg der Kenntnis der Vermieter. «Allein Europcar umfasst eine Flotte von 5000 Personenwagen. Jedem einzelnen Lenker zu erklären, wie man in der Schweiz Auto fährt, geht einfach nicht.»

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