Höhenrausch: Touristiker kritisieren Andermatt-Pläne
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HöhenrauschTouristiker kritisieren Andermatt-Pläne

Samih Sawiris will in Andermatt nun auch das Skigebiet auf Luxus trimmen. Doch der Ausbau sei höchst riskant, kritisieren Fachleute. Und: Die umliegenden Regionen werden bluten.

von
Alex Hämmerli
In Andermatt wird geklotzt, nicht gekleckert.

In Andermatt wird geklotzt, nicht gekleckert.

Samih Sawiris hat Grosses vor mit Andermatt. Nicht nur baut er für rund eine Milliarde Franken ein luxuriöses Ferien-Resort im Talboden. Nun will der schwerreiche ägyptische Geschäftsmann auch das Skigebiet auf den neusten Stand bringen.

Orascom-Tochter Andermatt Swiss Alps investiert zusammen mit der Schwedischen Skigebiet-Betreiberin SkiStar insgesamt 140 Millionen Franken. Innert vier bis acht Jahren will man damit etliche Skipisten, Beschneiungsanlagen und Restaurants aus dem Boden stampfen. Für den nötigen Schwung sorgen 18 neue Skilifte oder Gondeln (davon 13 als Ersatz-Anlagen). Neu soll insbesondere eine Verbindung zwischen den Skigebieten Andermatt und Sedrun entstehen.

Gefahr für die ganze Region

Ob den jüngsten Plänen von Sawiris kommt bei Fachleuten ein ungutes Gefühl auf. Die Befürchtung: Wird zu schnell zu viel gebaut, könnte dies nicht nur Andermatt selber, sondern gleich die ganze Region in die Misere stürzen.

So hat der St. Galler Professor Christian Laesser, der sich eingehend mit dem Tourismus in und um Andermatt befasst, grosse Zweifel an der Rentabilität von Sawiris' Plänen: «Will man die neuen Anlagen kostendeckend betreiben, ist ein hoher Cash-Flow nötig. Wo der herkommen soll, ist unklar», sagt er gegenüber 20 Minuten Online.

Das Problem: Laut Laesser stagniert der Markt mit Skitouristen in der Schweiz. Selbst wenn Sawiris' Feriendorf 2000 neue Betten mit ausländischen Gästen fülle, reiche dies nicht aus, um die geplanten Investitionen zu rechtfertigen. «Ich frage mich ernsthaft, wo die Auslastung her kommen soll.»

Riskante Angelegenheit

Diese Skepsis teilt Thomas Küng, stellvertretender Geschäftsführer von Grischconsulta, einem auf Bergbahnen und Tourismus spezialisierten Beratungsunternehmen: «Der Heimmarkt der Schweizer Skitouristen wird nicht grösser. Um eine derartige Investition zu rechtfertigen, braucht es eine hohe Grundauslastung des Skigebiets durch übernachtende Gäste.» Diese sei aber selbst mit dem Resort noch zu klein. «Das Projekt braucht eine zusätzliche Entwicklung im Urserental und Sedrun und eine stattliche Anzahl an zusätzlichen Tagesgästen», sagt Küng.

Ausbau auf Vorrat

Kritik hagelt es auch vom Präsident der Urner Sportbahnen, Franz Steinegger. Er sei dagegen, das Skigebiet auf Vorrat auszubauen, sagte er im Interview mit der «SonntagsZeitung». Mit der Realisierung des Sawiris-Resorts kämen in den kommenden drei Jahren rund 1000 Betten dazu. Um die Kapazitäten der Bahnen entsprechend zu erhöhen, brauche es vorerst lediglich 25 bis 30 Millionen Franken.

Baue man dagegen alles auf einen Schlag aus, seien in den ersten fünf bis zehn Jahren Defizite programmiert. Und die müssten am Schluss die öffentliche Hand berappen. Steinegger befürchtet zudem, dass der Ausbau letztlich zur Zahlungsunfähigkeit der Lift-Betreibergesellschaft führen könnte.

Auf Kosten der anderen

Wo also sollen all die zusätzlichen Gäste herkommen, die das Skigebiet braucht? Bei Andermatt Swiss Alps ist der Fall klar: «Wir werden mit unserem Angebot die neuen Gäste bedienen und auch den anderen Skigebieten in der Region die Gäste abjagen», sagt Geschäftsführer Gérard Jenni. Vor allem diejenigen mit schlechten Schneeverhältnissen würden leiden. Deshalb lege man auch viel wert auf ein weitläufiges Netz von Beschneiungs-Anlagen.

Entgegen der Befürchtungen Steineggers baue man auch nicht «auf Vorrat», versichert Jenni. Vielmehr soll sich das Skigebiet «parallel zum Resort» entwickeln. Der Zeithorizont von vier bis acht Jahren entspreche in etwa dem des Baus des Feriendorfs. Das Ziel sei, durch das Skigebiet das Feriendorf attraktiver zu machen, und umgekehrt. «Die beiden Projekte sollen sich gegenseitig befruchten.»

Dass die Strategie von Andermatt Swiss Alps aufgeht, davon ist Tourismus-Experte Laesser trotzdem nicht restlos überzeugt: «Tagestouristen sind nicht an einem riesigen Skigebiet interessiert.» Für deren Bedürfnisse würden auch mittelgrosse Gebiete genügen. Vom Tagestourismus sei daher kein grosser Zuwachs der Gästezahl zu erwarten.

Verhandlungen laufen an

Ob das Skigebiet in Andermatt überhaupt ausgebaut wird, ist vorerst noch unklar. Bevor der Ausbau anlaufen kann, muss nämlich noch einiges geklärt werden: Jenni verweist auf das Richtplanverfahren und nennt einerseits den Schweizer Alpen-Club, die Umweltverbände und den Kanton Uri, mit denen man Gespräche über die richtplanerischen Anforderungen führen müsse.

Andererseits könnten sich auch die Bündner Politik und insbesondere die Aktionäre der Bergbahnen gegen die Investitionen stemmen: «Sie sollen am Ende nicht die Rechnung zahlen für ein Projekt, das sie gar nicht wollen», sagt der Swiss-Alps-Geschäftsführer. Deshalb werde man ein überzeugendes Konzept präsentieren und auch Rückstellungen für etwaige Verluste der Bergbahnen machen. Wie genau der Schutz der Aktionäre und der öffentlichen Hand aussehen soll, das sei jetzt Gegenstand der Verhandlungen.

Porta Alpina: Kommt sie doch noch?

Mit dem bekannt gewordenen Millionen-Ausbau des Skigebiets Andermatt-Sedrun stellt sich die Frage, ob nun die Idee eines Lifts vom Gotthard-Basistunnels nach Sedrun hoch doch noch Realität werden könnte. Christian Laesser von der Uni St. Gallen verneint: Mittlerweile sei die Umsetzung unmöglich. Denn ein nachträglicher Ausbau würde allzu grosse Störungen im Betrieb des Tunnels bedeuten. Laesser bedauert, dass die Chance vertan wurde. Es habe an Weitsicht gefehlt.

«Rechtliche Mittel ergreifen»

Was halten Sie von den Plänen? Elsbeth Flüeler*: Die beiden Skigebiete zusammenzulegen macht Sinn, weil die Anlagen so oder so erneuert werden müssen. Bisher war bei Gesprächen mit dem Kanton Uri aber immer die Rede von Verbindungsliften zwischen Nätschen und Sedrun. Nun wird von einem veritablen neuen Skigebiet gesprochen.

Was halten Sie von den Plänen? Elsbeth Flüeler*: Die beiden Skigebiete zusammenzulegen macht Sinn, weil die Anlagen so oder so erneuert werden müssen. Bisher war bei Gesprächen mit dem Kanton Uri aber immer die Rede von Verbindungsliften zwischen Nätschen und Sedrun. Nun wird von einem veritablen neuen Skigebiet gesprochen.

Was ist Ihnen ein besonderer Dorn im Auge?

Dass das Skigebiet Gemsstock nach Hospental ausgebaut werden soll. Dies benötigt Sprengungen. Der Talkessel würde dadurch völlig verändert.

Wie wollen Sie vorgehen?

Weil unsere Einwände beim Kanton Uri bisher kein Gehör fanden, werden wir rechtliche Mittel ergreifen, sobald die Einsprachemöglichkeiten vorhanden sind. Interview: dag

*Elsbeth Flüeler ist Geschäftsführerin von Mountain Wilderness.

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