Wege aus der Krise: «Toxische Papiere gehören verboten»
Aktualisiert

Wege aus der Krise«Toxische Papiere gehören verboten»

Marc Chesney kritisiert die Banken scharf. Der Professor der Universität Zürich fordert, dass die Produkte der Finanzindustrie geprüft werden wie jene der Pharma.

von
Sabina Sturzenegger
Der Bulle ist wild geworden: Die Finanzindustrie dient nur noch sich selber, kritisiert der Zürcher Universitätsprofessor Marc Chesney.

Der Bulle ist wild geworden: Die Finanzindustrie dient nur noch sich selber, kritisiert der Zürcher Universitätsprofessor Marc Chesney.

Herr Chesney, Sie sagen, das heutige Finanzsystem widerspreche dem Geist des Kapitalismus. Leben wir nicht in einer Zeit des Turbokapitalismus?

Marc Chesney: Nein, das aktuelle Finanzsystem respektiert eines der Grundprinzipien des Kapitalismus nicht mehr. Eigentlich sollte die Finanzindustrie der Realwirtschaft und der Gesellschaft dienen, aber sie ist nicht mehr in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen. Derjenige, der die Risiken einer Investition eingeht, muss diese auch tragen. Das ist Unternehmertum. Heute werden die Finanzrisiken der Investmentbanken von Steuerzahlern, Kunden, Rentnern und Aktionären getragen.

Wo genau liegt das Problem?

Die Finanzindustrie verfolgt nur noch das kurzfristige Ziel, Gewinne einzufahren. Das führt zu absurden Situationen. Zum Beispiel bei den derivativen Finanzprodukten: Diese waren ursprünglich als Versicherungsleistung gedacht. Der Nominalwert all dieser Produkte entspricht inzwischen ungefähr dem Zehnfachen des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Die effektive Risikoabsicherung dürfte jedoch nur einen Teil des weltweiten BIP – vielleicht 20 oder 40 Prozent – entsprechen.

Wer ist dafür verantwortlich?

In erster Linie die Investmentbanken, die sich wie eine pyromanische Feuerwehr benehmen: Derivative, die gegen Risiken versichern sollten, erzeugen selber Systemrisiken. Dann die Rating-Agenturen: Vor der Krise haben sie den toxischen Produkten der Investmentbanken beste Noten verliehen. Heute sind sie bei den Ratings bestimmter Länder übergenau und beschleunigen deren Abwärtsspirale. Auch die Regulatoren haben bis anhin versagt. Sie sind offensichtlich nicht weit genug gegangen. Und dann natürlich auch die Politiker: Sie versuchen ohne Erfolg die Finanzmärkte zu beruhigen.

Welche Verantwortung trägt der akademische Betrieb?

Die Wissenschaft hat ihre Lektion aus der Finanzkrise nicht gelernt. Wenn ich die Vorlesungsverzeichnisse anschaue, finde ich wenig Hinweise auf eine kritische Auseinandersetzung mit den Finanzmärkten an den Universitäten.

Wie können die Probleme denn gelöst werden?

Um die Finanzindustrie zu bändigen, sind eine Transaktionssteuer, die Zertifizierung von Finanzprodukten und Boni für Controller nötig.

Was bringt eine Finanztransaktionssteuer?

Erstens würden die Spekulationen eingedämmt – nicht zuletzt diejenige auf dem Schweizer Franken. Zweitens könnte man mit dem Geld aus solchen Abgaben viele Probleme zumindest teilweise lösen – in Italien, Griechenland, Spanien zum Beispiel.

Wie würde das funktionieren?

In den Währungsmärkten werden täglich ungefähr 4000 Milliarden Dollar gehandelt. Wenn dieses Volumen durch eine Transaktionssteuer auf die Hälfte sinken würde, und wenn die Steuer 0,1 Prozent betragen würde, hätten wir jeden Tag 2 Milliarden, die zur Lösung der Finanzkrise eingesetzt werden könnten. Jeder, der ein Brot kauft, ins Restaurant oder ins Kino geht, bezahlt Mehrwertsteuer, in der Schweiz zwischen 2 und 8 Prozent. Dagegen wäre eine Transaktionssteuer von 0,1 Prozent fast lächerlich!

Wie sähe eine Zertifizierung von Finanzprodukten aus?

Es braucht eine Institution, die einschätzt, ob ein Produkt aus der Finanzindustrie schädlich ist für die Realwirtschaft. Es gibt ja die sogenannten toxischen Papiere. Sie müssten verboten werden. Zum Vergleich: Die Pharmaindustrie darf auch nicht einfach neue Produkte auf den Markt bringen. Sie müssen alle zuerst kontrolliert werden. Warum das für Finanzprodukte nicht gilt, sehe ich nicht ein.

Und was bringen die Boni für Controller?

Die Mehrheit meiner Studenten im Master of Finance will Trader werden. Keiner will Controller sein, weil sie nicht so gut bezahlt sind. Statt die Trader auch noch für ihre Fehler zu belohnen, sollten die Controller in den Banken Boni erhalten.

All diese Vorschläge sind nicht neu – konnten von der Industrie aber bislang erfolgreich verhindert werden. Warum finden sie so wenig Gehör?

Weil es keinen Gegenpol zur Lobby der Investmentbanken gibt. In der Energiepolitik oder im Gesundheitswesen gibt es immer mindestens zwei Lobbys: Die Umweltschützer und die Atomkraftbefürworter, die Ärzte und die Patientenschützer. Auch in der Finanzmarktregulierung braucht es eine Organisation, die endlich die Seite der Gesellschaft, also der Aktionäre, der Kunden und der Steuerzahler vertritt.

Marc Chesney (52) ist Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. Er beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen modernem Finanzwesen und Ethik. Chesney hat den Aufruf «Sustainable and Responsible Finance» mitlanciert und ist Vorstandsmitglied von Finance Watch, einer Brüsseler Organisation, die ein Gegengewicht zur Finanzlobby bildet. Das Ziel von Finance Watch ist es, dass die europäischen Abgeordneten nicht nur Zugang zur Sichtweise der Investmentbanken haben. Anfang November hat Marc Chesney ausserdem mit anderen Wissenschaftlern das «Basler Manifest zur Ökonomischen Aufklärung» herausgeben. Chesney stammt aus Paris.

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