«Wo ist meine Stimme?»: Tränengas und Knüppel in Teheran
Aktualisiert

«Wo ist meine Stimme?»Tränengas und Knüppel in Teheran

Am Sonntag ist es in der iranischen Hauptstadt Teheran zu gewaltsamen Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften gekommen, die mehrere Verletzte forderten. Die Festnahme mehrerer iranischer Mitarbeiter der britischen Botschaft hat im Westen eine Welle der Empörung ausgelöst.

In Teheran ist es am Sonntag laut Augenzeugen zu Zusammenstössen zwischen mehreren tausend Demonstranten und der Polizei gekommen. Die Polizisten hätten Tränengas eingesetzt, um die Menge der etwa 3000 Oppositionsanhänger aufzulösen. Diese hätten Widerstand geleistet und gerufen: «Wo ist meine Stimme?»

Die Augenzeugen sagten der Nachrichtenagentur AP, einige Demonstranten hätten Arm- und Beinbrüche erlitten. Jüngere Teilnehmer der Protestveranstaltung seien auf die Polizisten losgegangen, nachdem diese eine ältere Frau geschlagen hätten. Zu den Zusammenstössen kam es den Angaben zufolge in der Nähe der Ghoba-Moschee.

Proteste nach Festnahmen von Botschaftspersonal

Den festgenommenen iranischen Angestellten der britischen Botschaft wird in iranischen Medien vorgeworfen, bei den Protesten der Opposition nach der Präsidentenwahl eine «bedeutende Rolle» gespielt zu haben. Der britische Aussenminister David Miliband sagte am Rande eines Aussenministertreffens auf der griechischen Insel Korfu, eine derartige «Schikane und Einschüchterung» sei völlig inakzeptabel.

Die EU erklärte sich laut Miliband solidarisch mit seinem Land. Sollte es zu weiteren Belästigungen des Botschaftspersonals kommen, werde der Iran mit einer «starken und geschlossenen Reaktion der EU» konfrontiert, erklärte eine Aussenamtssprecherin in London. Ob die britische Regierung eine Abberufung ihres Botschafters aus Teheran erwägt, wollte sie nicht sagen.

Nach britischen Angaben wurden «etwa neun» Botschaftsmitarbeiter am Samstag festgenommen. Vier seien inzwischen wieder auf freiem Fuss. Miliband erklärte, der Vorwurf, sein Land stecke hinter den Protesten gegen das amtliche Ergebnis der Präsidentenwahl, sei völlig unbegründet.

Die Machthaber im Iran versuchen, die Proteste als vom Westen ferngesteuert darzustellen. Neben den USA ist in jüngster Zeit die frühere Kolonialmacht Grossbritannien zur Zielscheibe der Angriffe der iranischen Staatsführung geworden. Der ranghohe iranische Ayatollah Ahmed Chatami sagte am Freitag in einer landesweit im Fernsehen übertragenen Predigt, ausländische Medien, vor allem britische, hätten die Proteste angestachelt. Es sei daher nur gerecht, den Slogan «Nieder mit den USA» um den Ruf «Nieder mit Grossbritannien» zu erweitern, sagte er zu einer jubelnden Menge.

In der britischen Botschaft in Teheran sind nach offiziellen Angaben mehr als 100 Menschen beschäftigt. Mindestens 70 sind iranische Staatsbürger. In der vergangenen Woche hatte die britische Regierung zwölf Angehörige von Botschaftsmitarbeitern wegen der Zuspitzung der Lage heimgeschickt.

Mussawi verlangt weiter Wahl-Annullierung

Der iranische Oppositionsführer Mir Hossein Mussawi hält unterdessen an seiner Forderung nach einer Wiederholung der Präsidentenwahl fest. Die vom Wächterrat vorgeschlagene Neuauszählung von zehn Prozent der Stimmen lehnte er am Sonntag ab. Mussawis Erklärung wurde auf der Website Ghalamnews veröffentlicht, die von seinen Anhängern betrieben wird. Seine eigene Website war vorübergehend nicht zugänglich. Zugleich forderte er die Einsetzung unabhängiger Schlichter. Der Wächterrat hatte vorgeschlagen, zur Überwachung der Auszählung sechs Politiker zuzulassen.

Auch der ebenfalls unterlegene Präsidentschaftskandidat Mahdi Karrubi lehnt eine teilweise Neuauszählung ab. «Wie könnte die Kontroverse durch die Auszählung einiger Stimmen gelöst werden?» schrieb er in einem Brief an den Wächterrat, den seine Zeitung «Etemad-e-Melli» am Sonntag veröffentlichte.

Der oberste geistliche Führer, Ayatollah Ali Chamenei, forderte Regierung und Opposition auf, «die Emotionen der Jugend nicht zu schüren und die Leute nicht gegeneinander aufzuhetzen». Der Appell wurde am Sonntag im staatlichen Fernsehen veröffentlicht. Chamenei hat sich im Streit um den Ausgang der Präsidentenwahl von Anfang an klar hinter Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad gestellt, den die Behörden vor gut zwei Wochen zum Wahlsieger erklärt hatten. (dapd)

2000 Menschen im Iran nach Protesten in Haft

Nach den Protesten gegen die umstrittene Präsidentschaftswahl sollen im Iran derzeit mehr als 2000 Menschen in Haft sein. Hunderte würden zudem vermisst, erklärte die Internationale Föderation der Menschenrechtsligen (FIDH) am Sonntag in Paris.

FIDH-Vizepräsident Karim Lahidschi, der zugleich Präsident der iranischen Liga zur Verteidigung der Menschenrechte ist, berief sich dabei auf «unabhängige Informationen» vor allem aus den betroffenen Familien.

Aus Protest gegen das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahl vom 12. Juni waren in Teheran in den vergangenen Wochen zunächst zehntausende Menschen auf die Strasse gegangen. Nach den blutigen Zusammenstössen vor einer Woche waren die Demonstrationen von den iranischen Sicherheitskräften aber im Keim erstickt worden. (SDA)

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