Irland: Tragischer als die griechische Tragödie

Aktualisiert

IrlandTragischer als die griechische Tragödie

Kaum sind die Hellenen aus den Schlagzeilen verschwunden, droht mit Irland nun dem nächsten EU-Staat die Pleite. Zwar ist die irische Volkswirtschaft kleiner – aber dennoch könnte sie die gesamte EU ins Verderben stürzen.

von
Sandro Spaeth
Es kreist der Pleitegeier: Diesmal über Irland.

Es kreist der Pleitegeier: Diesmal über Irland.

Es kreist der Pleitegeier; nur diesmal nicht über Griechenland, sondern weiter im Norden. Betroffen ist Irland. Das Defizit des rund 4,5 Millionen Einwohner zählenden Staats droht förmlich zu explodieren. Die Regierung musste den maroden Banken zuletzt erneut mit 12 Milliarden Euro unter die Arme greifen. Die Neuverschuldung hat sich damit verdreifacht und europaweites Rekordmass angenommen.

Problem der Banken nun beim Staat

Ende Jahr dürfte Irland mit 160 Milliarden Euro in der Kreide stehen. Der Hauptgrund für die Schuldenmisere sind die Banken. Sie hatten sich im Immobilienmarkt zu stark verschuldet. Im Zuge von Wirtschaftskrise und Rezession entstanden immer mehr faule Kredite, die der Staat übernehmen musste. «Nun sind die Probleme der Banken jene des Staates», sagt ZKB-Ökonom Anastassios Frangulidis. Allein die Rettung der Anglo Irish Bank wird den Steuerzahler 34 Milliarden Euro kosten.

Der Absturz Irlands hat sich bereits länger angebahnt. Der Staat zählt zu den bankrottgefährdeten PIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien), die seit Anfang 2010 im Fokus stehen. Bereits im August senkte die Ratingagentur S&P die irische Bonitätsnote um eine Stufe auf «AA-». Den Ausblick bewertete S&P mit «negativ». Dies zeigt den Werdegang des künftigen Ratings auf und wird es den Iren erschweren, sich aus eigener Kraft aus der Schuldenkrise zu befreien.

Märkte reagieren anders als Bürokraten

EU und IWF versuchten derweil zwar die Probleme des Landes zu beschönigen, damit die Märkte nicht wie im Fall Griechenlands in Panik verfallen – doch bisher mit mässigem Erfolg. «Mit dem Erhöhen der Risikoprämien für den Ausfall irischer Anleihen haben die Märkte nicht so reagiert, wie es die Bürokraten gerne hätten», so Frangulidis. Wenig rühmliche Worte für Politiker, die betonen, Irland werde sich aus eigener Kraft aus der Schuldenwirtschaft befreien können, findet der emeritierte Wirtschaftsprofessor Walter Wittman: «Das sind lediglich Beruhigungspillen.» Genauso hätten die Griechen im Frühjahr ebenfalls betont, sie würden sich aus eigener Kraft aus der Schuldenspirale befreien.

Für Wittmann ist klar, dass Irland wie Griechenland vom 750 Milliarden Euro schweren Rettungsschirm der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird Gebrauch machen müssen. Dieser gab beispielsweise den Griechen Kredite zu Konditionen, wie sie der Markt nie gewährt hätte. «Damit wird die Pleite aber lediglich aufgeschoben», sagt Wittmann, der den Iren höchstens noch einige Monate bis ein Jahr Zeit einräumt, bevor sie den Rettungsschirm in Anspruch nehmen müssen. Laut Frangulidis wären für die Iren Kredite des IWF rein zinstechnisch bereits jetzt attraktiv. Aber: Irland würde damit die Eigenständigkeit aufgeben und der IWF würde unangenehme Massnahmen verordnen.

Wo landet der Geier als Nächstes?

«Eine Bankrotterklärung kommt sowohl für Irland als auch für die EU nicht in Frage», vermutet der ZKB-Ökonom. Die Gefahr ist aber längst nicht gebannt, obwohl die irische Volkswirtschaft lediglich zwei Prozent des BIP der EU ausmacht. «Falls die Risikoprämien auf Irischen Anleihen weiter steigen, besteht die Gefahr eines Dominoeffekts», warnt Frangulidis. Damit würden plötzlich auch die viel grösseren Volkswirtschaften Portugal und Spanien wieder massive Probleme bekommen. Die Folge: Der Wert und das Vertrauen in den Euro dürften weiter sinken und der Pleitegeier würde weitere Länder heimsuchen. Die bange Frage – welche?

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