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Fabelzeit lässt Fragen aufkommenTrainer-Guru schiesst gegen Rekord von Schweizer Sprint-Rakete Alex Wilson

Bei einem No-Name-Meeting in den USA pulverisiert Alex Wilson gleich mehrere Rekorde. Doch wie sind die Fabelzeiten des Schweizer Sprinters zu erklären?

von
Lucas Werder

Hier läuft Alex Wilson über 100 Meter zum neuen Europarekord.

Video: Youtube/D4F Athletics

Darum gehts

  • Kurz vor den olympischen Spielen in Tokio rennt Alex Wilson in den USA über 100 Meter zu einem neuen Europarekord.

  • Auch über 200 Meter verbessert er seinen Schweizer Rekord deutlich.

  • Aus Frankreich und von einem Sprint-Trainer gibts Kritik an den Wettkampfbedingungen.

  • Auch im Team von Wilson ist man überrascht von der Fabelzeit.

9,84 Sekunden! Unsere Schweizer Sprint-Rakete Alex Wilson läuft bei einem Meeting in Atlanta so schnell wie nie ein Europäer zuvor. Und auch über 200 Meter (19,89s) verbessert Wilson am Sonntagabend seinen eigenen Schweizer Rekord deutlich. So gross die Freude über den Mega-Exploit so kurz vor dem olympischen Saisonhighlight in Tokio ist, so gross sind auch die Fragezeichen dahinter.

Die Saison von Alex Wilson lief bislang sehr durchzogen. Der Sprinter hatte mit Rückproblemen zu kämpfen und musste zwischenzeitlich gar eine Wettkampfpause einlegen. An der Schweizer Meisterschaft Ende Juni wird er hinter Silvan Wicki nur Zweiter und bleibt in 10,39 Sekunden klar über seinem Schweizerrekord aus dem Jahr 2019 (10,08).

Plötzlich viel schneller

Zwischenzeitlich muss Wilson gar um seine Olympia-Teilnahme über 100 Meter zittern. 10,38 Sekunden lautete seine bisherige Saisonbestzeit, die er am Sonntag aus dem nichts, um über eine halbe Sekunde verbessert. Auch im Rennen über 200 Meter läuft der Basler plötzlich über eine Sekunde schneller als noch zwei Wochen zuvor bei einem Meeting in Norwegen. Wie lässt sich Wilson Leistungsexplosion erklären?

Fakt ist, bei seinem Rekordlauf in Marietta nahe Atlanta hatte der Sprinter optimale Bedingung. Rund 30 Grad, dazu optimale Rückenwindverhältnisse mit 1,9 Metern pro Sekunde (2,0 m/s sind erlaubt). Alle anderen Faktoren sprechen dagegen überhaupt nicht für eine Rekordzeit. Wilson, der im Rahmen eines Trainingslagers am eher unbekannten Meeting teilnimmt, läuft in der Kategorie der über 30-Jährigen in einem alles andere als hochkarätigen Teilnehmerfeld. Während Wilson einen Europarekord aufstellt, wird einer seiner Konkurrenten mit einer Zeit von 12,12 Sekunden gestoppt. Zur Einordnung: Der Frauen Schweizer Rekord von Mujinga Kambundji steht bei 10,95 Sekunden.

Rekord dank Frühstart?

In Frankreich beäugt man den neuen Europarekord, den Wilson dem Franzosen Jimmy Vicaut und dem Portugiesen Francis Obikwelu (9,86) entrissen hat, besonders kritisch. Die Sportzeitung «L’Équipe» stellt in Anbetracht seiner bisherigen Saisonleistungen Wilsons Rekord in Frage. Offenbar kursiere auf Social Media die Theorie, dass der Schweizer einen Frühstart hingelegt haben soll. Ein Startkontrollsystem habe es beim Meeting aufgrund der kleinen Grösse nicht gegeben.

Kritik gibts auch von Trainer-Guru Rana Reider, der neben Leichtathletik-Grössen wie Christian Taylor, Dafne Schippers und Ex-Europarekordhalter Jimmy Vicaut auch schon kurzeitig Mujinga Kambundji coachte. Auf Twitter schreibt der US-Amerikaner unter einem Tweet über Wilsons Fabelzeit: «Wir wissen zu 100 Prozent, dass das nicht echt ist.»

Wilson-Berater überrascht

Auch im Team von Alex Wilson ist man von der Fabelzeit etwas überrascht. «Direkt nach dem Rennen dachte Alex, dass er vielleicht 10,10 Sekunden oder bestenfalls 10,00 gelaufen ist, aber niemals so schnell, wie es auf der Anzeigetafel im Stadion und in den Ranglisten zu lesen war», sagt Wilsons Berater und Freund Andreas Hediger am Montag der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Er stelle sich die selben Fragen wie nun die Journalisten. «Der Athlet sah sich selber nicht in so guter Form, auch wenn er sich gut vorbereitet hatte. Aber auf dem Ergebniszettel stehen 9,84 Sekunden über die 100 Meter und 19,89 Sekunden über die 200 Meter», meint Hediger. Auch Wilson fragte ungläubig bei den Offiziellen nach. «Ich habe es nicht geglaubt. Ich glaube es jetzt noch nicht. Ich sah die Zeit beim Einlaufen nicht und fragte dann meinen Coach. Er sagte: 9,8 – ich sagte, das könne nicht sein. Dann fragte ich bei der Zeitmessung, worauf diese sagten: 9,84. Ich bin immer noch geschockt!», sagte der Sprinter Tagesanzeiger.ch (Bezahlschranke).

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