Glattalbahn: Tramführerin nach Unfall freigesprochen
Aktualisiert

GlattalbahnTramführerin nach Unfall freigesprochen

Im Mai 2013 erfasste ein Tram der Linie 10 eine Automobilistin und verletzte diese. Die Trampilotin wurde daraufhin zu einer Geldstrafe verurteilt. Zu Unrecht, befand nun das Obergericht.

von
Attila Szenogrady
«Beide hatten freie Fahrt»: Die Glattalbahn fährt an der Kreuzung Flughofstrasse Riethofstrasse in Glattbrugg.

«Beide hatten freie Fahrt»: Die Glattalbahn fährt an der Kreuzung Flughofstrasse Riethofstrasse in Glattbrugg.

Die Häufung von Unfällen mit der Glattalbahn in den letzten Jahren in Zürich-Nord und Glattbrugg ist geradezu unheimlich. «Die zahlreichen Kollisionen mit der Glattalbahn sind auffällig», erklärte auch der Vorsitzende Christoph Spiess am Freitag vor dem Zürcher Obergericht. Dies bestätigte die beschuldigte Trampilotin, welche ausführte, dass ihres Erachtens bei den vielen Kreuzungen jener Strecke etliche Autofahrer das Rotlicht einfach missachten würden.

Wohl nur ein Teil der Wahrheit. So steht fest, dass diese Annahme beim umstrittenen Vorfall vom 31. Mai 2013 überhaupt nicht zutraf. Ein Gutachten hatte klar ergeben, dass eine Autolenkerin um 10.34 Uhr, also am helllichten Tag, die Ampel bei Grün passiert hatte. Worauf sie vom Cobra-Tram der Linie 10 auf einer Kreuzung völlig unerwartet gerammt und dabei auch verletzt wurde.

«Warnsignale werden gezielt ignoriert»

Erschreckend: Beide Seiten hatten freie Fahrt

Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland leitete nach dem Unfall eine Strafuntersuchung ein und fand schon bald heraus, dass die Automobilistin keine Schuld treffen konnte. Deshalb richtete sie ihr Augenmerk gegen die langjährige Trampilotin aus dem Zürcher Unterland. Erstaunlicherweise ergaben die Auswertungen der Lichtsignale und des Fahrtenschreibers des Trams, dass weder das Tram noch der Personenwagen ein Haltesignal missachtet hatten. Kurzum: Beide Parteien hatten gleichzeitig freie Fahrt. Was eigentlich technisch ausgeschlossen sein sollte und schlichtweg ein lebensgefährliches Versäumnis der verantwortlichen Behörden bedeutet.

Schuldspruch in Bülach

Die Fahnder erhoben gegen die Trampilotin trotzdem Anklage und lasteten ihr ein fahrlässig grobes Verkehrsdelikt an. So soll sie im Vorfeld der fraglichen Kreuzung ein Bahn-Vorsignal übersehen und deshalb zu schnell unterwegs gewesen sein, lautete der Vorwurf. Worauf das Bezirksgericht Bülach im letzten September der Anklage folgte und die heute 50-jährige Tramführerin zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 90 Franken verurteilte. Die Frau wurde zudem von ihrer Arbeitgeberin intern verwarnt und zurückgestuft.

Mangelhafte Anklage führt zu Freispruch

Die Verteidigung legte Berufung ein und forderte vor Obergericht einen vollen Freispruch. Der Rechtsanwalt ging von einer fehlerhaften Einstellung des Lichtsignals aus und lehnte eine Mitschuld seiner Mandantin ab.

Mit Erfolg. So sprachen die Oberrichter von einem speziellen Fall und kamen in Gegensatz zum Bezirksgericht zu einem vollen Freispruch. Sie stuften die Anklage aus mehreren Gründen als ziemlich mangelhaft ein. Einerseits verneinte das Obergericht ein zu schnelles Tempo der Beschuldigten. So habe sie sich nach einer Notbremsung mit abnehmender Geschwindigkeit der Kreuzung genähert, führte Präsident Spiess aus. Zudem stimme es nicht, dass damals die Kreuzungsfläche alleine dem Individualverkehr vorbehalten gewesen sei. Nicht zuletzt unterstehe das VBZ-interne Bahn-Vorsignal nicht dem Strassenverkehrsgesetz.

Infolge des Freispruchs wurde der entlasteten Tramführerin eine Prozessentschädigung von 13'300 Franken zugesprochen. Sie hatte während ihrer Befragung nicht nur ihrer Unschuld beteuert, sondern auch zur Beruhigung der Zuschauer ausgeführt, dass inzwischen die Zeitabstände der Signale an der fraglichen Unfallstelle geändert worden seien.

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