11.10.2017 03:45

Stadt ZürichTrampilot fährt absichtlich zu schnell – und filmt es

Aus Protest über die Arbeitsbedingungen filmt ein Tramchauffeur, wie er mitten in der Stadt mit 60 statt der erlaubten 48 km/h fährt. Die VBZ verurteilen diese Aktion aufs Schärfste.

von
tür/wed

Die Tramfahrt des Chauffeurs.

Es ist noch dunkel draussen, als ein VBZ-Chauffeur am frühen Morgen mit seinem Tram mitten in der Stadt Zürich unterwegs ist und während der Fahrt die Handykamera zückt. Er beginnt zu filmen und kommentiert: «Wir machen hier einen neuen Rekord – probieren wir doch mal einen 60er hinzubringen.» Und wenig später: «Jawohl! 60 km/h! Oh, es wäre aber nur 48 – um diese Uhrzeit ist das scheissegal.» Anschliessend wünscht er einen schönen Tag und beendet das Video mit den Worten «coole Sache, juhui!»

40 Prozent der VBZ-Mitarbeiter seien unglücklich

Der Hintergrund der Aktion sei aber alles andere als «juhui»: «Das war eine Protestaktion gegen die VBZ als Arbeitgeber», sagt der Tramchauffer, der das Video bei 20 Minuten hochgeladen hat. Die Stimmung intern sei generell sehr schlecht, vor allem bei jenen, die relativ neu bei den VBZ arbeiten und im sogenannten Ersatzdienst eingesetzt würden. «Bei einer internen Umfrage haben 40 Prozent der Mitarbeitenden angegeben, nicht glücklich zu sein. Mir ging es genau gleich, weshalb mir der Kragen geplatzt ist.» Bei diesen Arbeitsbedingungen würden viele schnell wieder kündigen.

Diese Situation ist nicht neu, wie es bei der Gewerkschaft des Personals öffentlicher Dienste VPOD heisst: «Uns wird oft von einem militärischen Führungsstil berichtet. Die Schilderungen der Fahrer hinterlassen bei uns meist nur Kopfschütteln», sagt VPOD-Sprecher Duri Beer. Man müsse sowohl den Führungsstil wie auch die Arbeitszeiten verändern, dass die Angestellten der VBZ zufriedener werden. Um dies zu erreichen, stehe der VPOD im Kontakt mit der VBZ.

«Verurteilen diese Aktion aufs Schärfste»

Bei den VBZ ist man in erster Linie verärgert über diese Video-Protestaktion des Trampiloten: «Falls eine solche absichtliche Übertretung tatsächlich zustande kam, so verurteilen wir diese aufs Schärfste – es ist verantwortungslos, mit so einer Aktion Fahrgäste oder andere Verkehrsteilnehmer unnötig zu gefährden», sagt Sprecher Andreas Uhl. Es seien nicht nur die Geschwindigkeitsvorschriften verletzt, sondern zusätzlich noch gefilmt worden. Heisst: «Die Aufmerksamkeit war nicht beim Fahren.»

Bei den VBZ zweifelt man aber an der Echtheit des Videos. «Die Geschwindigkeitsanzeige ist eindeutig nachträglich ins Video eingefügt worden», so Uhl. Zwei Video-Experten von Tamedia, die unabhängig voneinander arbeiten, konnten bei den Originalaufnahmen, die 20 Minuten vorliegen, jedoch keinen Hinweis auf Manipulation feststellen.

Es droht die Entziehung der Fahrberechtigung

So oder so könnte die Aktion für den Tramchauffeur Folgen haben: «Einerseits haben wir die Pflicht, solche Übertretungen beim Bundesamt für Verkehr zu melden und zu ahnden», so Uhl. Das könne im Extremfall bis zur Entziehung der Fahrberechtigung führen. «Andererseits hat so ein Vorfall personalrechtliche Konsequenzen – es dürfte zu einer schriftlichen Mahnung kommen, im Wiederholungsfall und innert einer Bewährungsfrist droht eine Entlassung.»

Zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen sagt der VBZ-Sprecher: «Die VBZ befragen ihr Personal etwa alle drei Jahre – über die letzten Umfragen gesehen, zeigt der Trend ganz klar aufwärts und ist kaum anders im Vergleich zur Gesamtheit des städtischen Personals.» Nicht ganz zufrieden seien die Trampiloten besonders bei der Work-Life-Balance. «Aufgrund der Schichtarbeit kann das aber leider nicht massgeblich entschärft werden.» Es seien jedoch moderne Systeme eingeführt worden, die helfen würden.

Und auch Uhl bestätigt einen «dauernden und vertrauensvollen» Austausch mit den Sozialpartnern wie etwa der Gewerkschaft. «Unser Personal geniesst jeweils die bessere Lösung aus beiden Welten – die Rechte und Pflichten des städtischen Personalrechts, insbesondere beim Lohnsystem, sowie den Rahmen-Gesamtarbeitsvertrag, der mit den Personalverbänden abgeschlossen wurde.»

Laut Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, ist nicht die Polizei für die Geschwindigkeitskontrolle von Trams verantwortlich. «Das ist die Zuständigkeit des Bundesamtes für Verkehr. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft schalten sich nur ein, wenn ein Unfall passiert», so Cortesi.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.