Neue Details zum Toten im Zürcher Tram - «Trampilot schaute mehrfach zu meinem toten Vater und reagierte nicht»
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Neue Details zum Toten im Zürcher Tram«Trampilot schaute mehrfach zu meinem toten Vater und reagierte nicht»

Stundenlang fuhr ein Toter im Sommer im Tram mit. Laut den VBZ will man der Bedeutung des Kontrollgangs nun mehr Gewicht geben.

von
Monira Djurdjevic
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Im Juni fuhr ein lebloser Mann stundenlang in einem Zürcher Tram mit. 

Im Juni fuhr ein lebloser Mann stundenlang in einem Zürcher Tram mit.

20min/Marco Zangger
Weder die Passagiere noch die Tramchauffeure hatten bemerkt, dass Pietrantonio De Sando kurz nachdem er bei der Haltestelle Micafil eingestiegen war, auf seinem Sitz zusammensackte und starb. 

Weder die Passagiere noch die Tramchauffeure hatten bemerkt, dass Pietrantonio De Sando kurz nachdem er bei der Haltestelle Micafil eingestiegen war, auf seinem Sitz zusammensackte und starb.

Privat
Die VBZ haben nun angekündigt, den Kontrollgang für das kommende Jahr als Sicherheitsziel für die Mitarbeitenden zu definieren. 

Die VBZ haben nun angekündigt, den Kontrollgang für das kommende Jahr als Sicherheitsziel für die Mitarbeitenden zu definieren.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Im Juli starb Pietrantonio De Sando im 2er-Tram. Mehrere Runden machte der leblose Körper im Tram, ohne dass es jemand bemerkt hat.

  • Unterlagen zeigen nun neue Details zum Fall.

Fast sieben Stunden fuhr Pietrantonio De Sando leblos in einem 2er-Tram durch Zürich. Weder die Passagiere noch die Tramchauffeure hatten an diesem Tag bemerkt, dass der 64-Jährige, kurz nachdem er bei der Haltestelle Micafil eingestiegen war, auf seinem Sitz gleich am Fenster zusammengesackt war und starb. Sein Sohn David hat heute noch mit dem Geschehenen zu kämpfen. «Ein Todesfall in der Familie ist immer tragisch. Was sich an diesem Tag abgespielt hat, macht es noch schwieriger, damit abzuschliessen», sagt der 40-Jährige.

Der Grund: Unterlagen zeigen weitere Details zum tragischen Vorfall am 21. Juni. Wie David erzählt, ist auf den Bildern der Videoüberwachung zu sehen, wie einer der beiden Tramchauffeure mehrfach am Fenster vorbeiläuft, ohne zu reagieren. Im polizeilichen Rapport werde zudem festgehalten, dass sich ein Trampilot ausserhalb des Trams entlang bewegt und den Eindruck hinterlässt, in die Richtung des Opfers zu schauen.

Auch habe sich der Chauffeur bei einer Endhaltestelle im Innern des ersten Wagens befunden und dabei erneut in die Richtung des Opfers, das sich im zweiten Wagen befand, geschaut. Befragt wurde dieser Trampilot aber nicht, heisst es in den Unterlagen. Der Grund sei, dass nicht von einer strafbaren Handlung ausgegangen werden muss. David meint dazu: «Innerhalb kürzester Zeit schaute er mehrmals zu meinem Vater. Warum er nicht reagierte, weiss ich nicht.»

Widersprüchliche Aussagen

Kurz vor 11 Uhr erfolgte dann der Fahrerwechsel. Ein Kontrollgang durchs Tram blieb durch den zweiten Trampiloten aber aus. Doch im Gegensatz zum ersten wurde der zweite Trampilot befragt. Während der Polizeibefragung verstrickte er sich in Widersprüche. So gibt er an, 35 Minuten bevor der Tote entdeckt wurde, einen Kontrollgang gemacht zu haben, das Tram aber leer vorgefunden zu haben. Wann und wo der Mann zugestiegen war, wisse er deshalb nicht.

Aufgrund der widersprüchlichen Aussagen wurde der zweite Trampilot erneut befragt. Später gibt er zu, keinen Kontrollgang durchgeführt zu haben. Seit Corona sei dies nicht mehr üblich, zuvor habe man das bei Gelegenheit gemacht. Seine widersprüchlichen Aussagen erklärte er mit seiner Nervosität während der ersten Befragung. Er habe so etwas noch nie erlebt, es sei eine Ausnahmesituation gewesen.

Erst nach 13 Uhr wurde eine Pflegefachperson auf den Toten aufmerksam, kurz nachdem sie ins Tram eingestiegen war. Die Frau informierte den Tramchauffeur, der einen Notruf absetzte. Auf dem Mobiltelefon des Toten waren letztlich vierzig verpasste Anrufe, wie sich später zeigte. Der Klingelton war auf laut eingestellt.

Kontrollgang neu als Sicherheitsziel definiert

«Ich weiss, dass man meinen Vater nicht hätte retten können. Er starb an akutem Herzversagen. Trotzdem macht es mich traurig, dass niemand früher auf ihn aufmerksam wurde», sagt David. Vor allem die Tramchauffeure hätten etwas bemerken müssen. Er fordert, dass mehr Kontrollgänge durchgeführt werden: «Das muss doch drin liegen. Es kann ja auch sein, dass jemand verletzt ist oder einen medizinischen Notfall hat und dringend Hilfe benötigt. Da müssen die Tramchauffeure doch rechtzeitig reagieren können.»

Laut den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) gibt es kein Reglement oder eine Vorschrift für einen Kontrollgang durchs Fahrzeug an den Endhaltestellen. Das Fahrpersonal müsse sich primär auf das Verkehrsgeschehen konzentrieren und kann die Pause an den Endhaltestellen zur Erholung nutzen. Sofern es die Zeit erlaube, machen die Fahrdienstmitarbeitenden einen Rundgang.

«Für das Jahr 2022 wird dieser Kontrollgang durch das Fahrzeug für die Mitarbeitenden nun neu als Sicherheitsziel definiert», sagt Sprecher Tobias Wälti. Es werde der Bedeutung des Kontrollgangs somit mehr Gewicht gegeben, und er soll, wenn immer möglich durchgeführt werden. Zudem starte im kommenden Jahr ein Refresher zum Thema Erste Hilfe im Rahmen der Fahrdienstweiterbildung.

«Viele nehmen ihre Umwelt kaum wahr»

Die VBZ wie auch die betroffenen Mitarbeitenden bedauern laut Wälti den Vorfall sehr. Auskunft zu internen Abklärungen oder möglichen personalrechtlichen Konsequenzen könne man aber keine geben. «Offen bleibt, warum der verstorbene Mann den anderen Passagieren nicht auffiel oder warum nicht früher jemand einschritt, im besten Fall direkt während des medizinischen Notfalls während der Fahrt», so Wälti.

Dies sei als gesellschaftliches Problem zu sehen und äusserst bedauerlich: «Viele nehmen ihre Umwelt kaum wahr und achten zu wenig auf die Mitmenschen. Oft fehlt es den Menschen auch an Zivilcourage.» Zudem sei festzuhalten, dass die Staatsanwaltschaft die Umstände derartiger Todesfälle standardmässig untersuche und beim Verdacht auf unterlassene Hilfeleistung Ermittlungen laufen würden. «Dies ist allerdings nicht der Fall», so Wälti.

Weil die Untersuchung formell noch nicht abgeschlossen ist, kann man bei der Zürcher Staatsanwaltschaft keine weiteren Informationen bekannt geben. Wie bereits früher mitgeteilt, steht ein akutes medizinisches Problem als Todesursache im Vordergrund. Eine Dritteinwirkung kann ausgeschlossen werden.

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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