Aktualisiert 12.02.2020 10:26

Armeechef«Transmenschen sollen Dienst leisten dürfen»

Der scheidende Armeechef Philippe Rebord will Frauen mittels Anreizen in die Armee locken. Und auch Transmenschen sollen die RS machen können.

von
D. Waldmeier/ D. Krähenbühl
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Nach 35 Jahren als Berufsmilitär tritt Armeechef Philippe Rebord  Ende Jahr zurück. «Ich muss mich auf meine Gesundheit kümmern und ich will mich auf die Familie fokussieren», sagt er.

Nach 35 Jahren als Berufsmilitär tritt Armeechef Philippe Rebord Ende Jahr zurück. «Ich muss mich auf meine Gesundheit kümmern und ich will mich auf die Familie fokussieren», sagt er.

Oskar Moyano
Höhepunkt seiner Amtszeit sei die Wiedereinführung der Mobilmachung gewesen, so Rebord. «Wir sind in der Lage, 35'000 Soldaten innerhalb von 10 Tagen in den Einsatz zu bringen. Die Nato schafft 30'000 Personen in 30 Tagen. Die Schweizer Milizarmee ist also agiler als die Profi-Armee der Nato.»

Höhepunkt seiner Amtszeit sei die Wiedereinführung der Mobilmachung gewesen, so Rebord. «Wir sind in der Lage, 35'000 Soldaten innerhalb von 10 Tagen in den Einsatz zu bringen. Die Nato schafft 30'000 Personen in 30 Tagen. Die Schweizer Milizarmee ist also agiler als die Profi-Armee der Nato.»

Oskar Moyano
Oskarmoyano

Herr Rebord, die Armee findet kaum Rekruten, während der Zivildienst boomt. Sie haben die «RS light» mit kürzeren Märschen und Turnschuhen zur Eingewöhnung eingeführt. Ist die RS dadurch attraktiver geworden?

Es ist keine «RS light». Wir wollen die Soldaten fit machen, indem wir die Leistungsfähigkeit schrittweise erhöhen. Das bedeutet weniger Schmerzen, weniger Unfälle und weniger medizinische Entlassungen aus der RS. Das reicht aber noch nicht, um die RS attraktiver zu machen. Sie haben die Hitzewelle im Juli selbst erlebt. Im Schwimmbad ist es angenehmer als auf dem Übungsplatz. Die Armee muss im Verband eine Leistung erbringen. Natürlich ist damit die Handlungsfreiheit des Einzelnen beschränkt.

Ein brachliegendes Potenzial für die Armee sind auch Frauen. Denken Sie, dass Frauen in 15 Jahren ebenfalls Dienst leisten müssen?

Das ist eine politische Frage. Ich wünsche mir aber ganz klar mehr Frauen in der Armee. Sie haben eine andere Art, wie sie auf die Bevölkerung zugehen. Das sehen wir in Kosovo, wo der Frauenanteil bei der Swisscoy zurzeit bei 22 Prozent liegt. Über die ganze Armee sind es aber nur 0,7 Prozent. Falls die Dienstpflicht für Frauen in 15 Jahren an die Urne kommt, werde ich zustimmen.

Was muss man tun, um mehr Frauen anzulocken?

Der heutige Orientierungstag findet mit 18 Jahren spät statt. Wir müssen junge Frauen aber schon mit 15 bis 16 Jahren erreichen, damit sie sich ein Bild machen können. Und wir müssen, solange der Dienst für Frauen nicht obligatorisch ist, mit Anreizen arbeiten. In Polen etwa gibt es für freiwillige Milizler Steuererleichterungen. Es braucht neue, kreative Ideen. Wir sind daran, solche zu prüfen.

Sie haben zwei erwachsene Töchter. Wie denken diese über die Armee?

Meine Töchter haben verstanden, dass die Sicherheit ein Fundament ist, auf dem die Gesellschaft gebaut ist. Ich habe immer gespürt, dass sie mich stark unterstützt haben. Als Töchter eines Berufsoffiziers hatten sie es nicht immer leicht. Hier werde ich emotional, weil ich aufgrund der Karriere wenig zu Hause war und viel verpasst habe. Dank meiner Frau hat unserer Familie gehalten. Die verpasste Zeit kann ich leider nicht mehr nachholen, ich kann aber zumindest etwas mit meinen Enkeln kompensieren.

«Auch Transmenschen haben ein Anrecht, Dienst zu leisten, wenn sie alle Voraussetzungen erfüllen.»

Laut «24 Heures» wurde Ellyot, ein Transmann, von den Militärärzten aufgrund eines Passus im medizinischen Handbuch für doppelt untauglich befunden, obwohl er die medizinischen Tests offenbar bestanden hat und unbedingt in die Armee möchte. Was sagen Sie dazu?

Ich habe mir das Thema notiert und werde es intern diskutieren. Der Mann hat einen Rekurs eingelegt und eine Sonderkommission wird sich damit befassen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass auch Transmenschen ein Anrecht haben, Dienst zu leisten, wenn sie alle Voraussetzungen erfüllen. Das Handbuch werden wir überarbeiten.

Ein Militärarzt soll ihm gesagt haben, ein Verzicht auf die RS sei besser, da ihn andere Rekruten mobben könnten. Fehlt die Akzeptanz in der Armee?

Die Jungen sind nach meiner Erfahrung sehr offen, ich sehe kein Problem. Wir legen viel Wert auf Diversity-Management, auch in der Ausbildung unserer Kompaniekommandanten. Wir bieten solche Kurse seit den 90er-Jahren an.

Sind solche Schlagzeilen schlecht fürs Image der Armee, weil sie dann als rückwärtsgewandt gilt?

Ich sehe darin vor allem eine Chance. Wir müssen jetzt wiederum über die Bücher gehen und einem Bürger eine Antwort geben, der seine Bürgerpflichten erfüllen will. Die Armee muss sich anpassen und weiterentwickeln.

Bleiben wir beim Thema Image: In den sozialen Netzwerken machen immer wieder lustige Armeevideos die Runde, etwa von Soldaten, die «Jurassic Park» nachspielen oder Abhänge herunterpurzeln. Lacht der Armeechef über solche Videos?

Ich sehe selten solche Videos. Ich kann aber über vieles lachen. Ich verstehe die Jungen – ich selbst war mit 20 Jahren kein besonderer Held. Aber was ich wirklich nicht dulde, sind Videos, die die Persönlichkeit eines Einzelnen verletzen, die rassistisch oder gewaltverherrlichend sind oder die Sicherheitsvorschriften tangieren.

Müssen Sie Ihre Social-Media-Richtlinien anpassen? Instagram und Co. sind fester Bestandteil des Lebens der Rekruten. Können Sie verlangen, dass sie nichts aus der Armee posten dürfen?

Das Reglement ist zeitgemäss. Es braucht eine Bewilligung, um aus dem Militärdienst zu posten. Das hat auch operationelle Gründe: Bilder können im Ernstfall das Dispositiv verraten, ebenso die Kommunikation mit dem Handy. Das ist übrigens ein grosses Problem von ausländischen Armeen, die im Einsatz sind.

«Für die Schweizer Armee wird die Abstimmung zur Stunde der Wahrheit.»

Kommen wir zu einem wichtigen Thema: Der Bundesrat will 6 Milliarden in neue Kampfjets und 5,5 bis 6 Milliarden in die Modernisierung der Bodentruppen investieren. Können Sie sich so gigantische Summen vorstellen?

Es ist zweifellos eine grosse Summe, zumal es um Steuergelder geht. Aber diese Investition ist eine Investition in die Sicherheit unseres Landes und erstreckt sich auf 10 Jahre. Wenn man zudem die Gesamtkosten der Armee betrachtet, sind das zwischen 0,7 und 0,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Schweiz. Zum Vergleich: Von den Nato-Ländern wird gefordert, 2 Prozent des BIP in die Verteidigung zu investieren. Wir müssen bis 2030 unsere Kampfjets ersetzen. Für die Schweizer Armee wird die Abstimmung darüber – die mit Garantie kommen wird – zur Stunde der Wahrheit.

Die USA und Russland haben den INF-Abrüstungsvertrag aufgelöst. Wie betreffen solche Entwicklungen die Schweiz?

Die Kündigung des Vertrags ist ein Rückschritt ins Jahr 1987. Für die Gesamtsicherheit Europas ist das ein markanter Verlust. Im Bereich der nuklearen Waffen kann man gar von einer Rückkehr des Kalten Krieges sprechen. Die Schweiz bedauert den Schritt der USA und Russlands. Damit verlieren wir einen wesentlichen Meilenstein in der Rüstungskontrolle in Europa. Im nächsten Jahrzehnt werden wir wahrscheinlich wieder miterleben müssen, wie Mittelstreckenraketen in Europa stationiert werden.

«Die Schweizer Milizarmee ist agiler als die Nato.»

Sie sind jetzt nur noch wenige Monate Armeechef. Ihr Rücktritt erfolgte aus gesundheitlichen Gründen. Sie haben gesagt, Sie wollten sich durchbeissen. Müssen Sie das?

Mit Schmerzmitteln geht es. Ich hatte mit der Hüfte und der Thrombose zwei Probleme gleichzeitig. Jetzt ist es noch die Hüfte. Ab und zu muss ich mich durchbeissen, vor allem wenn ich den ganzen Tag mit der Truppe unterwegs bin wie letzte Woche in Polen.

Was war Ihr Tiefpunkt, was der Höhepunkt als Armeechef?

Ein persönlicher Höhepunkt für mich war die Wiedereinführung der Mobilmachung. Wir sind so in der Lage, 35'000 Soldaten innerhalb von 10 Tagen in den Einsatz zu bringen. Die Nato schafft 30'000 Personen in 30 Tagen. Die Schweizer Milizarmee ist also agiler als die Profi-Armee der Nato. Ein Tiefpunkt ist es für mich immer, wenn wir einen Angehörigen der Armee verlieren – so wie letzte Woche beim Verkehrsunfall auf dem Sustenpass. Solche Tragödien machen die Kommandanten und mich extrem betroffen.

Sie waren jetzt 35 Jahre lang Berufsmilitär. Bald gehen Sie ins zivile Leben. Was machen Sie und worauf freuen Sie sich besonders?

Ich will vor allem keine Nostalgie über meine Karriere pflegen, sondern nach vorn schauen. Ich muss mich um meine Gesundheit kümmern und will mich auf die Familie fokussieren. Ich freue mich auf das Sozialleben: Für ein Konzertabo bleibt als Armeechef leider keine Zeit. Zudem will ich mich in sozialen Stiftungen einsetzen. Und: Ich habe meiner Frau versprochen, bügeln zu lernen. Schliesslich laufe ich dann nicht mehr in der Militäruniform rum.

Armee schützt vor Plündererungen

Am Sonntag ging in Chamoson VS eine gewaltige Schlammlawine nieder, ein Mann und ein Mädchen wurden im Auto in den Tod gerissen. Die Armee stand bereit. Armeechef Philippe Rebord stellt fest, dass die Armee in den vergangenen drei, vier Jahren vermehrt mit solchen Ereignissen in der Schweiz konfrontiert ist. Der letzte grosse Einsatz war 2017 nach dem Felssturz in Bondo GR. «Mit der Klimaerwärmung taut der Permafrost in den Gebirgskantonen auf. Das führt vermehrt zu Naturkatastrophen.» Die Armee sei aber gut aufgestellt. «Man kann viele Truppen bei Naturkatastrophen einsetzen, nicht nur Rettungs- oder Genietruppen. So brauchten wir auch schon Infanteristen, um die Polizei rasch bei der Verhinderung von möglichen Plünderungen zu unterstützen.»

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