Aktualisiert 05.03.2008 12:25

Trauer und Wut nach Amputation bei Sturz-Opfer

Ein junger österreichischer Skifahrer verliert nach einem Sturz sein Bein. Die Betroffenheit beim österreichischen Skiverband ist gross. Jetzt wächst die Wut auf die norwegischen Rennveranstalter: Der Abtransport des Sturz-Opfers dauerte sage und schreibe fünf Stunden.

Der Sturz vom Sonntag im Super-G von Kvitfjell hatte für Matthias Lanzinger gravierende Folgen. Am Dienstagnachmittag musste dem 27-jährigen Österreicher der linke Unterschenkel amputiert werden, nachdem sich sein Zustand erheblich verschlechtert hatte.

Die Operation erfolgte noch in Oslo und nicht wie vorgesehen in Salzburg. «Wegen akuter Verschlechterung der allgemeinen Situation und drohender Lebensgefahr war eine sofortige Operation notwendig.

Es wurde eine Unterschenkel-Amputation durchgeführt und der Allgemeinzustand von Matthias Lanzinger hat sich dadurch deutlich gebessert. Derzeit besteht keine akute Lebensgefahr», erklärte der nach der ersten Operation in Oslo beigezogene österreichische Gefässspezialist Prof. Dr. Thomas Hölzenbein. Der Zustand sei aber «insgesamt nach wie vor kritisch».

Matthias Lanzinger hatte sich bei seinem Sturz einen offenen Schien- und Wadenbeinbruch sowie Gefässverletzungen zugezogen. Bei der ersten Operation am Sonntag in Oslo waren Komplikationen wegen dieser Gefässverletzungen aufgetreten. Lanzinger war deshalb in einem künstlichen Koma gehalten worden.

Trotz einer weiteren Operation in der Nacht auf Dienstag konnte das Bein wegen Durchblutungsschäden nicht mehr gerettet werden. «Es ist leider nicht mehr gelungen, die Blutzirkulation im linken Fuss wieder in Gang zu bekommen», sagte der Osloer Chefchirurg Lars Engebretsen. Lanzingers Fuss hatte sich beim Sturz wahrscheinlich mehrfach gedreht.

Hermann Maier: «Unfassbare Tragik»

Die Betroffenheit im alpinen Ski-Zirkus und speziell beim österreichischen Skiverband, der wegen des verzögerten Abtransportes von Lanzinger sogar rechtliche Schritte erwägt, ist gross. «Jeder Skifahrer weiss, dass es ein Restrisiko gibt. Aber dass man nach einem Beinbruch sein Bein verliert, ist unvorstellbar», sagte der geschockte ÖSV-Alpinchef Hans Pum.

Auch Österreichs Ski-Star Hermann Maier, der sich im August 2001 bei einem Motorradunfall so schwer verletzte, dass ihm eine Beinamputation drohte, reagierte geschockt auf den Unfall seines Teamkollegen: «Was mit Matthias passiert, macht mich sehr betroffen. Kurz vor seinem Abtransport aus Kvitfjell bin ich noch zu ihm hin und habe versucht, ihm Mut zuzusprechen. Die Tragik der Geschehnisse ist unfassbar. Momentan durchlebe ich noch einmal die Folgen meines Unfalls 2001 und stelle fest, dass ich jetzt alles viel bewusster, Minute für Minute, wahrnehme und mit Matthias mehr leide als damals unter meinem Los.»

Maier liegt Lanzingers weitere Betreuung sehr am Herzen: «Ich werde natürlich versuchen, meine Erfahrungen einzubringen und Matthias zu unterstützen, so gut es geht. Wir sind jetzt aufgefordert, ihm positive Kraft über die kommenden Wochen und Monate zu geben. Ansonsten muss jeder auf seine Art versuchen, die fürchterlichen Geschehnisse zu verarbeiten.»

Lanzingers Freund und Zimmerkollege Georg Streitberger, der am Sonntag seinen ersten Weltcup-Sieg feierte, war ebenfalls fassungslos: «So wollte ich nicht gewinnen.» Lanzinger seinerseits hatte noch auf der Piste liegend nach einem Handy gefragt, um seinem Kumpel zu dessen Erfolg zu gratulieren.

Lanzinger, 2000 Junioren-Weltmeister in der Kombination, bestritt in seiner Karriere nur 38 Weltcup-Rennen. Sein Debüt gab er Ende November 2004 in Lake Louise (Ka) mit einem 12. Rang im Super-G. Ein Jahr später feierte er beim Super-G in Beaver Creek (USA) mit dem 3. Platz seinen grössten Erfolg. Trotz ausbleibendem Erfolg war für den Salzburger aus Abtenau aufgeben nie ein Thema. Sein langjähriger Trainer Jürgen Kriechbaum bezeichnet ihn als «riesige Kämpfernatur. Er hat sich seinen ganzen Karriereweg hart erarbeitet und nie aufgegeben.»

Die Saison 2007/2008 hatte für Lanzinger schon unglücklich begonnen. Im Training in Sun Peaks zog sich der Salzburger Mitte November einen Mittelhandknochen-Bruch beim rechten Daumen zu. Typisch Lanzinger trat der Abtenauer kurz darauf in Beaver Creek mit einer Manschette schon wieder zu Weltcuprennen an.

Massive Kritik vom ÖSV

Inzwischen gibt es massive Kritik von Seiten des ÖSV, da der Abtransport Lanzingers nach dem schweren Unfall angeblich viel zu lang gedauert hat. «Es wird im Moment keine Schuldzuweisungen geben. Es geht nur um die Gesundheit von Matthias. Aber der ÖSV wird sich diesen Unfall sehr genau anschauen und alle rechtlichen Konsequenzen ausschöpfen», sagte Pum.

Auch Unfallchirurg Artur Trost, der vor sieben Jahren Hermann Maier den Unterschenkel nach dessen schwerem Motorradunfall gerettet hatte, sprach von einem «Wahnsinn, dass Matthias fünf Stunden transportiert wurde. Da geht es um jede Minute.» Bei schweren Beinfrakturen, bei denen Gefässe verletzt werden, ist der Zeitfaktor entscheidend. Ist die Blut- und somit die Sauerstoffzufuhr zum Unterschenkel und den Zehen komplett unterbrochen, hat man nur sechs Stunden Zeit, um das Bein zu retten.

Angeblich musste aus einem Touristen-Helikopter erst eine Sitzbank entfernt werden, um den schwer verletzten Sportler vom Zielraum aus ins Spital nach Lillehammer fliegen zu können. Dort war jedoch offenbar festgestellt worden, dass die Klinik nicht über die für so eine Operation nötigen Gerätschaften verfügt. Erst daraufhin war Lanzinger nach Oslo weitergeflogen worden.

Der deutsche FIS-Renndirektor Günter Hujara kündigte an, «dass wir die ganze Sache sehr genau überprüfen werden». Es seien jedoch auch in Kvitfjell alle vom Ski-Weltverband für eine Weltcuprennen geforderten und verbindlichen Massnahmen eingehalten worden, so Hujara. (si)

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