Winterthur : «Trauernde klauen Kerzen und legen sie aufs Grab»
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Winterthur «Trauernde klauen Kerzen und legen sie aufs Grab»

Claudia Heid musste einen Verkaufsstand auf einem Friedhof in Winterthur per sofort schliessen. Grund: Trauernde bezahlten nicht für die Grabkerzen.

von
Jennifer Furer
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Dieser Verkaufsstand im hinteren Teil des Friedhofs Rosenberg in Winterthur ist geschlossen.

Dieser Verkaufsstand im hinteren Teil des Friedhofs Rosenberg in Winterthur ist geschlossen.

Claudia Heid
Trauernde hatten die Grabkerzen nicht bezahlt.

Trauernde hatten die Grabkerzen nicht bezahlt.

Claudia Heid
Statt 160 Franken waren laut der Betreiberin Claudia Heid gerade einmal 45 Franken in der Kasse.

Statt 160 Franken waren laut der Betreiberin Claudia Heid gerade einmal 45 Franken in der Kasse.

Claudia Heid

«Können gestohlene Artikel auf dem Grab wirklich trösten?», fragt sich Claudia Heid. Sie ist seit 2,5 Jahren Inhaberin des Blumenladens Blumen Momente auf dem Gelände des Friedhofs Rosenberg in Winterthur. Letzte Woche musste sie den Verkaufsstand im hinteren Teil des Areals schliessen. «Weit über die Hälfte der Artikel wurde nicht bezahlt», so Heid.

Der Stand funktionierte nach dem Selbstbedienungsprinzip. «Blumen und Grabkerzen standen jederzeit zum Kauf bereit. Die Leute mussten das Geld für die Artikel eigenständig in ein Kässeli werfen», so Heid. Doch die Ehrlichkeit der Trauernden liess zu wünschen übrig.

«Ich glaube eigentlich ans Gute im Menschen»

Als Heid das letzte Mal das eingenommene Geld mit den fehlenden Artikeln verglich, stellte sie schockiert fest: Statt 160 Franken waren gerade einmal 45 Franken in der Kasse. «Vor den Gedenktagen im November werden in grossem Stil Waren gestohlen», sagt die Ladeninhaberin.

Über die Gründe kann Heid nur spekulieren. «Ich wusste lange nicht, ob die Leute absichtlich zu wenig Geld einwerfen oder den Betrag einfach nicht passend dabeihaben. Ich glaube eigentlich ans Gute im Menschen.» Heid habe die Trauernden bereits einmal in einem aufgehängten Brief auf das fehlende Geld hingewiesen. Doch genützt habe es nicht. «Es stimmte mich traurig und erschütterte mich, als mir bewusst wurde, dass die Leute tatsächlich gestohlene Kerzen auf die Gräber stellen.»

Als immer mehr Artikel gestohlen wurden, musste Heid eine Sofortmassnahme umsetzen und den Betrieb im hinteren Friedhofsbereich fürs Erste einstellen. Den Laden im vorderen Bereich kann sie weiterbetreiben. «Wir schauen, dass wir dort die Kassen möglichst oft bedienen. Zudem haben wir im Innern des Ladens eine Kamera installiert.»

Suche nach Alternative

Diese zeige, dass Alt und Jung hinter den Diebstählen stecken würden. «Einmal haben wir auf den Aufnahmen eine Mutter mit ihren Kindern erblickt, die ihre Ware nicht redlich bezahlt hat», so Heid.

Die Ladeninhaberin sucht nun nach Alternativen, um trotzdem ein Blumen- und Kerzenangebot im hinteren Friedhofsteil anbieten zu können. «Eine Idee wären zum Beispiel Automaten», so Heid. Besonders ältere Menschen seien froh, wenn sie nicht über den ganzen Friedhof laufen müssten, um an Kerzen zu gelangen – «künftig hoffentlich durch faires Bezahlen», so Heid.

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