«K-Tipp»-Stichproben zeigen – Schweizer Trinkwasser ist voll mit Pestiziden

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StichprobenTrinken wir Leitungswasser, schlucken wir Rückstände von bis zu 16 Pestiziden

Messungen des «K-Tipp» zeigen: Im Schweizer Trinkwasser lassen sich Rückstände von diversen Pestiziden nachweisen. Auch von solchen, die eigentlich schon verboten sind.

von
Reto Heimann
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Bis zu 16 Pestizid-Rückstände finden sich im Schweizer Trinkwasser.

Bis zu 16 Pestizid-Rückstände finden sich im Schweizer Trinkwasser.

Tio/ 20 minuti
Darunter sind auch Rückstände von Pestiziden, die in der Schweiz schon verboten sind.

Darunter sind auch Rückstände von Pestiziden, die in der Schweiz schon verboten sind.

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Das Schweizer Trinkwasser ist schlechter als sein Ruf, schreibt der «K-Tipp».

Das Schweizer Trinkwasser ist schlechter als sein Ruf, schreibt der «K-Tipp».

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Ein Labor hat Schweizer Trinkwasser auf 45 Pestizide untersucht.

  • In der Gemeinde Höri im Kanton Zürich lassen sich 16 Pestizide oder deren Abbauprodukte im Trinkwasser nachweisen.

  • «Die Ergebnisse überraschen mich nicht», sagt ein Experte.

«Das Schweizer Trinkwasser ist schlechter als sein Ruf»: Das schreibt das Konsumentenmagazin «K-Tipp» (Bezahltext) in seiner aktuellen Ausgabe. Es untersuchte das Schweizer Trinkwasser stichprobenartig an 20 Standorten. Der «K-Tipp» wählte dazu Regionen aus, bei denen schon früher Pestizide im Trinkwasser nachgewiesen werden konnten und die sich in der Nähe von Landwirtschaften befinden.

Ein Labor untersuchte im Auftrag von «K-Tipp» die 20 Trinkwasserproben auf 45 verbreitete Pestizide und deren Abbauprodukte. Befund: Bis auf eine einzige Messung – diejenige in Sion im Kanton Wallis – fanden sich in allen Proben Rückstände mindestens eines Pestizids.

Seit 2020 verboten, aber immer noch im Trinkwasser

Am bedenklichsten war die Probe aus dem zürcherischen Höri: Dort fand das Labor Rückstände von 16 Pestiziden im Trinkwasser. In 17 der 20 Proben fanden sich Rückstände von Chlorothalonil – ein Pilzvernichter, der seit den 1970er-Jahren im Getreide- und Weinbau eingesetzt wurde.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit geht davon aus, dass Chlorothalonil Krebs verursachen kann. Das Mittel ist seit Anfang 2020 in der Schweiz verboten – im Trinkwasser nachweisen lässt es sich aber immer noch.

Jahrzehnte bis zur Erneuerung

Das gilt auch für das Pestizid Atrazin, dessen Rückstände im Trinkwasser in Höri nachgewiesen werden konnte. Es ist seit 2012 verboten, weil es für Wasserlebewesen schädlich ist. Trotzdem lässt es sich noch immer im Trinkwasser nachweisen. Das liegt daran, dass es Jahrzehnte dauert, bis sich das Grundwasser erneuert hat.

In elf der 20 Proben fanden sich Rückstände von Chloridazon, das zwischen 2008 und 2015 gespritzt wurde. Chloridazon ist giftig für Wasserorganismen, weshalb es in der EU seit 2018 verboten ist. Die Schweiz zieht auf Ende 2021 nach.

Andere Pestizide, die durch Labormessungen im Trinkwasser nachgewiesen werden konnten, waren Nicosulfuron und Dimethachlor, Metazachlor und Terbuthylazin.

Vergifteter Abstimmungskampf

Kurt Seiler, der Leiter der Lebensmittelkontrolle der Kantone Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden und Schaffhausen, sagt: «Die Resultate überraschen mich nicht. Sie sind typisch für Trinkwasser, das aus landwirtschaftlich intensiv bewirtschafteten Regionen stammt.» Seiler findet es wichtig, dass die Pestizide Dimethachlor, Nicosulfuron, Metazachlor und Terbuthylazin «im Bereich der Wasserversorgungen nicht mehr eingesetzt werden dürfen.»

Mitte Mai wurde bekannt, dass sich im Schweizer Trinkwasser Trifluoracetate nachweisen lässt. Einmal im Trinkwasser angelangt, lässt es sich nicht mehr aus dem Kreislauf bringen. Trifluoracetate ist unter anderem ein Abbauprodukt von Pestiziden.

Die Schweiz stimmt am 13. Juni über zwei Agrarinitiativen ab, die ein vollständiges Verbot von Pestiziden fordern (Pestizid-Initiativen) respektive den Einsatz von Pestiziden an den Erhalt von Direktsubventionierungen knüpfen will (Trinkwasser-Initiative). Die aktuellste Umfrage sieht bei beiden Vorlagen einen Trend hin zur Ablehnung. Nicht nur die Stoffe im Trinkwasser sind giftig: Auch der Abstimmungskampf zwischen Befürwortern und Gegnern der Initiativen ist regelrecht vergiftet.

Die Initiativen im Detail

Die Pestizid-Initiative der Gruppe «Future3» verlangt ein Verbot künstlicher Pflanzenschutzmittel in der Schweiz: Es dürften keine synthetischen Pestizide mehr ausgebracht werden, verboten wäre auch der Import von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mithilfe solcher hergestellt wurden. Die Umstellung soll innert einer Frist von zehn Jahren passieren. Die Debatte lief vor allem im Parlament heiss. Es lehnt die Initiative wie der Bundesrat ab.

Die Trinkwasser-Initiative wurde von Franziska Herren lanciert. Sie fordert, dass nur noch diejenigen Landwirtschaftsbetriebe mit Direktzahlungen oder Subventionen unterstützt werden, die keine Pestizide einsetzen, die in ihrer Tierhaltung ohne prophylaktischen Antibiotika-Einsatz auskommen und den eigenen Tierbestand mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernähren können. National- und Ständerat empfehlen, die Initiative abzulehnen.

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