Verzögerter Impfstart der Restbevölkerung - Trödel-Kantone gefährden die Impfstrategie des Bundes
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Verzögerter Impfstart der RestbevölkerungTrödel-Kantone gefährden die Impfstrategie des Bundes

Bis Ende Juni sollen laut dem Bundesrat alle Impfwilligen mindestens die erste Dosis erhalten haben. Das schaffen allerdings nicht alle Kantone. In der Politik sorgt das für Unverständnis.

von
Leo Hurni
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Der Bundesrat verspricht, dass bis Ende Juni alle mindestens einmal geimpft sind, die das auch wollen. Für die Umsetzung sind die Kantone verantwortlich. 

Der Bundesrat verspricht, dass bis Ende Juni alle mindestens einmal geimpft sind, die das auch wollen. Für die Umsetzung sind die Kantone verantwortlich.

20min/Simon Glauser
Nich alle Kantone können das Versprechen des Bundes jedoch auch einlösen. Im Kanton Bern rechnet man mit Juli oder August, bis alle Personen, die dies wünschen, geimpft werden können.

Nich alle Kantone können das Versprechen des Bundes jedoch auch einlösen. Im Kanton Bern rechnet man mit Juli oder August, bis alle Personen, die dies wünschen, geimpft werden können.

20min / Simon Glauser
Für eine Impfung haben sich dort bereits 400’000 Personen registriert.  Also nicht ganz die Hälfte der rund eine Million Einwohnerinnen und Einwohner.

Für eine Impfung haben sich dort bereits 400’000 Personen registriert. Also nicht ganz die Hälfte der rund eine Million Einwohnerinnen und Einwohner.

Tamedia AG

Darum gehts

  • Der Bundesrat hat der Bevölkerung versprochen, dass bis Ende Juni jeder geimpft ist, der das will.

  • Doch jetzt zeigt sich: Nicht alle Kantone schaffen auch, das Versprechen einzuhalten.

  • Politikerinnen ärgern sich, denn der anhaltende Lockdown koste Millionen.

Das aktuelle Ziel des Bundesrates während der Pandemie ist klar: Bis Ende Juni sollen alle Personen, die wollen, mindestens eine Impfdosis gegen das Coronavirus erhalten haben. Das soll nicht von den Kantonen abhängig sein, denn die Impfstrategie sei in allen Kantonen gleich, stellte Christoph Berger am 8. April in einem Video des Bundesamts für Gesundheit (BAG) klar. Noch vor zwei Monaten erwartete Bundesrat Alain Berset, dass alle Erwachsenen bis Ende Juni wenn immer möglich doppelt gegen Corona geimpft werden.

Trotz des zusätzlichen Spielraums zeigt sich aber: Selbst die fristgerechte Erstimpfung dürfte in einigen Kantonen knapp werden. «Der Kanton Bern verfolgt das Ziel, dass bis Juli/August alle Personen, die dies wünschen, geimpft werden können», schrieb der Kanton Bern etwa am Freitag in einer Medienmitteilung. Für eine Erklärung war der Kanton am Freitag nicht erreichbar.

Im Verzug ist auch der Kanton Aargau. Dieser rechnet mit dem Impfstart der Restbevölkerung voraussichtlich im Juni oder «allenfalls sogar früher». «Das ist abhängig von der effektiven Lieferung der Impfstoffe», sagt Maria Gares, Mediensprecherin des Aargauer Departements Gesundheit und Soziales. Man könne die Empfehlung des Bundesamts für Gesundheit nicht kommentieren, denn man halte sich an die eigene Strategie. «Der Kanton Aargau ist aber dazu imstande, innerhalb von einem Monat den grossen Teil der Impfwilligen Bevölkerung einmal durchzuimpfen», so Gares.

Impfung erst im August

Auch im Kanton Luzern dürfte es eng werden. Dieser will voraussichtlich erst im Juni damit beginnen, die breite Bevölkerung gegen Corona zu impfen. Der Kanton Luzern habe allerdings von Beginn an kommuniziert, dass die Impfungen der impfwilligen Bevölkerung voraussichtlich im Spätsommer oder Frühherbst abgeschlossen sein werden, sagt David Dürr, Leiter der Dienststelle Gesundheit und Sport des Kanton Luzern. «Wann wir effektiv fertig sind, hängt davon ab, wie viel Impfstoff wir zu welchem Zeitpunkt erhalten und wie gross die Impfbereitschaft der Bevölkerung ist».

«So verlieren wir Millionen»

In der Politik sorgt das verzögerte Tempo der Kantone derweil für Ärger. Kein Verständnis für das schleppende Tempo gewisser Kantone hat Ruth Humbel, Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission. «Es irritiert doch enorm, das gewisse Kantone schon im Mai, andere aber erst im Juni oder Juli mit der Impfung der breiten Bevölkerung beginnen wollen», so die Mitte-Nationalrätin. Juni sei viel zu spät und sie erwarte, dass die betroffenen Kantone jetzt vorwärts machten. Denn für Humbel spielen auch die wirtschaftlichen Folgen dieser Politik eine wichtige Rolle. «Mit jedem Tag, den wir im Lockdown sind, verlieren wir Millionen. Dass die Kantone jetzt nicht Alles geben, um so schnell wie möglich alle zu impfen, verstehe ich nicht».

Auch SP-Nationalrätin Yvonne Feri ist enttäuscht vom schleppenden Tempo der Kantone. «Gerade vor den Sommerferien, wenn die Leute wieder mobiler werden, ist es enorm wichtig, dass so viele Leute wie möglich geimpft sind». Man müsse aber auch sehen: Einen oder zwei Monate schneller aus der Pandemie zu kommen, spiele keine grosse Rolle. «Die Kantone könnten untereinander auch solidarisch sein. Wenn beispielsweise Zürich merkt, dass man genug Kapazitäten und Impfstoff hat, um zusätzliche Personen aus anderen Kantonen zu impfen, würde das helfen».

Diese Kantone impfen am meisten - und das sagt die GDK dazu

Am meisten geimpft wurde bisher im Kanton Uri. Von 100 Personen haben mehr als 24 bereits eine Impfdosis erhalten. Dicht gefolgt wird Uri vom Kanton Neuenburg, wo auf 100 Personen bereits mehr als 23 Dosen verabreicht wurden. Das Schlusslicht bildet aktuell der Kanton Zürich mit 15 Dosen pro 100 Einwohner.

Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) geht allerdings davon aus, dass das Impfziel des Bundesrates nach wie vor realistisch ist. «Die Erreichung dieses Impfziels hängt aber von sehr vielen Faktoren ab, auf welche die Kantone teilweise keinen Einfluss haben», sagt Tobias Bär, Mediensprecher der GDK. Ein Faktor sei zum Beispiel, ob die Impfstoffhersteller die Lieferungen mit einer gewissen Vorlaufzeit bestätigten und damit die sehr komplexe logistische Planung in den Kantonen erleichtern könnten». Doch den Kantonen sei bewusst, wie wichtig eine rasche Verimpfung für die Gesellschaft und die Wirtschaft sei.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gibt an, mit den Kantonen in engem Kontakt zu stehen. «Wir sind zuversichtlich, dass die Kantone ihre Planung auf die entsprechenden Kapazitäten ausrichten», sagt Mediensprecherin Masha Foursova. Der Bund biete den Kantonen an, bei Herausforderungen gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

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