Aktualisiert 15.08.2013 08:09

Israel hilft Syrien«Tropfen auf dem heissen Stein»

In dem Ort Naharija, im Norden Israels und nahe Syriens, haben einige Krankenhäuser beschlossen, über die ideologischen Grenzen hinwegzusehen und kriegsversehrten Syrern zu helfen.

von
Max J. Rosenthal, AP
Hinter dem Kopf des Mannes versteckt: Das syrische Mädchen, dass von Granatsplittern verletzt wurde. Es ist eines von 44 Opfern, die in Israel nahe der Grenze bisher behandelt wurden.

Hinter dem Kopf des Mannes versteckt: Das syrische Mädchen, dass von Granatsplittern verletzt wurde. Es ist eines von 44 Opfern, die in Israel nahe der Grenze bisher behandelt wurden.

Es sei nur ein Tropfen auf den heissen Stein, sagen isrealische Ärzte, aber die Hilfe hat schon einige Patienten gerettet: In Krankenhäusern kurz hinter der Grenze werden Bürgerkriegsopfer aus Syrien behandelt.

Es sieht aus wie auf jeder Intensivstation eines Kinderkrankenhauses: Stofftiere und Luftballons, um die kleinen Patienten abzulenken, ein Mädchen in einem Krankenbett, ein aufgeregter Vater daneben. Nur dass dieser Vater aus einem besonderen Grund so nervös ist: Er und seine Tochter stammen aus Syrien. Wäre in seiner Heimat bekannt, dass er sich in Israel aufhält, bestünde Gefahr für seine gesamte Familie dort.

Der zwölfjährigen Tochter zuliebe, die bei einem Raketenangriff verletzt wurde, hat er das Risiko auf sich genommen. Das Mädchen wird in einem Krankenhaus in der nordisraelischen Stadt Naharija medizinisch versorgt.

Reisen nach Israel eigentlich verboten

Vor knapp einer Woche kam der Mann, der seinen Namen nicht nennen will, in Naharija an; seine Tochter war bereits dort. Wie er die Grenze überquerte, dazu äussert er sich nicht. Zu seiner Familie daheim in Syrien hat er keinen Kontakt - es wäre zu gefährlich. Denn aufseiten beider Parteien, die im syrischen Bürgerkrieg gegeneinander kämpfen, sind Gruppen, die die Existenz Israels infrage stellen. Syrern ist es verboten, nach Israel zu reisen; sonst droht ihnen Gefängnis.

Beide Länder haben zweimal Krieg gegeneinander geführt. 1967 besetzte Israel die zu Syrien gehörenden Golanhöhen. Sowohl der jetzige Staatschef Baschar al-Assad als auch sein Vater Hafiz al-Assad, der viele Jahre lang in Syrien regierte, haben antiisraelische und antijüdische Gruppen unterstützt. Ganze Generationen von Syrern sind mit dem Hass auf den israelischen Erzfeind aufgewachsen.

«Für meine Tochter tue ich alles», sagt der Mann, der alle Bedenken beiseitegeschoben und Hilfe in Israel gesucht hat. Nach Angaben der Mitarbeiter des Krankenhauses in Naharija kommen die meisten aus der Nähe des von Israel besetzten Teils der Golanhöhen. Wie die Menschen über die Grenze gelangen, ist unbekannt. «Wir bekommen einen Anruf vom Militär des Inhalts: Da kommt jemand in einer Stunde», berichtet Haggai Einaw, Sprecher des Krankenhauses.

«Ein Tropfen auf den heissen Stein»

In Naharija wurden seit dem 27. März 44 Menschen aus Syrien versorgt, darunter vier Kinder. Derzeit befinden sich sieben Patienten auf Station, unauffällig bewacht von israelischen Soldaten. Auch ein Krankenhaus in Safed behandelt Syrer, ebenso einige Militärkliniken. Der Generaldirektor des Hospitals, Masad Barhum, spricht vom «Tropfen auf dem heissen Stein». Seine Ärzte seien stolz, wenigstens ein bisschen Hilfe anbieten zu können, betont er.

Die Zwölfjährige wurde vor gut zwei Wochen bei einem Raketenangriff an Nieren, Milz und Rücken verletzt, wie der Leiter der Kinderklinik des Krankenhauses, Sonis Seew, berichtet. Sie wurde zunächst in einem syrischen Krankenhaus operiert. Dort habe er unter der Hand gehört, dass eine Therapie in Israel möglich sei, erzählt der Vater. «Leute haben mir gesagt, dass man hier gut behandelt wird.» Einige Tage später habe sie ein Verwandter ihrer Tante zur Grenze gebracht, berichtet die Zwölfjährige. An mehr erinnert sie sich nicht.

Sie habe bei der Ankunft einen verwirrten und einsamen Eindruck gemacht, sagt Seew. Arabischsprachige Sozialarbeiter sowie die Angehörige eines anderen syrischen Patienten hätten sich anfangs um das Kind gekümmert. Das Krankenhauspersonal habe ihm ein Stofftier gebracht und einen DVD-Player. Aber erst als fünf Tage später der Vater aufgetaucht sei, habe sich der psychische Zustand verbessert. «Das Kind ist seitdem wie ausgewechselt», erinnert sich der Arzt.

«Das Erste, was ich höre, ist: Ich will zurück.»

Dem Mädchen stehen weitere Operationen bevor, und es ist unklar, wie lange es bleiben muss: Anfang der Woche wurde der bisher jüngste Patient aus Syrien, eine Dreijährige, nach 50-tägigem Aufenthalt entlassen. Vater und Tochter jedenfalls freuen sich darauf, bald nach Hause zurückkehren zu können. Sie vermisse ihre Zwillingsschwester, sagt das Mädchen, und der Vater erzählt von den drei weiteren Töchtern, die in Syrien warten.

Dies sei typisch für alle Syrer, die bisher ins Krankenhaus gekommen seien, erklärt Generaldirektor Barhum: «Das Erste, was sie sagen, das Erste, was ich höre, ist immer: Ich will nach Syrien zurück.»

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