Aktualisiert 05.04.2019 09:16

Absagegrund «überqualifiziert»

«Trotz 300 Bewerbungen finde ich keinen Job»

Trotz zwei Masterdiplomen findet Tamara keine Stelle. Das gleiche Schicksal ist auch weiteren gut qualifizierten Lesern widerfahren.

von
mm/pam
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Das Schicksal von Tamara, die trotz zwei Masterdiplomen keinen Job findet, bewegt. Rund 80 Leser berichten ebenfalls von grossen Schwierigkeiten bei der Stellensuche – trotz unzähliger Weiterbildungen und Abschlüsse. Hier berichten Sie von ihren Erfahrungen.

Das Schicksal von Tamara, die trotz zwei Masterdiplomen keinen Job findet, bewegt. Rund 80 Leser berichten ebenfalls von grossen Schwierigkeiten bei der Stellensuche – trotz unzähliger Weiterbildungen und Abschlüsse. Hier berichten Sie von ihren Erfahrungen.

Keystone/Gaetan Bally
«Seit 2016 suche ich einen Job im Behindertenbereich, in Altersheimen oder Jugendtreffs. Ich hatte viele Vorstellungsgespräche. Aber aufgrund meiner fehlenden Arbeitserfahrung habe ich nie eine Chance bekommen, mich zu beweisen», sagt Mathis Eigensatz (36).

«Seit 2016 suche ich einen Job im Behindertenbereich, in Altersheimen oder Jugendtreffs. Ich hatte viele Vorstellungsgespräche. Aber aufgrund meiner fehlenden Arbeitserfahrung habe ich nie eine Chance bekommen, mich zu beweisen», sagt Mathis Eigensatz (36).

Diane39
Er habe sich auch für unzählige einfachere Jobs beworben, sei aber überqualifiziert und koste zu viel. «In diesem Land gibt es einfach keinen Platz für mich», so Mathis enttäuscht.

Er habe sich auch für unzählige einfachere Jobs beworben, sei aber überqualifiziert und koste zu viel. «In diesem Land gibt es einfach keinen Platz für mich», so Mathis enttäuscht.

Annestahl

Das Schicksal von Tamara, die trotz zwei Masterdiplomen keinen Job findet, bewegt. Rund 80 Leser berichten ebenfalls von grossen Schwierigkeiten bei der Stellensuche – trotz unzähliger Weiterbildungen und Abschlüsse. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen.

Tamara darf indes hoffen: Bis Mittwoch sind für sie rund 100 Zuschriften eingegangen. Darunter 44 Job-Angebote, der Rest sind sonstige Angebote: von der Gratiswohnung bis zum professionellen Job-Coaching.

Mathis Eigensatz (36): Bachelor Art Education

«Nach meiner Bürolehre konnte ich im Lehrbetrieb nicht mehr weiterarbeiten und habe nach neuen Stellen gesucht. Nach 200 bis 300 erfolglosen Bewerbungen wurde ich mit neunzehn Jahren ausgesteuert.» Aufgrund seiner Tätigkeit als Sänger und Gitarrist in einer Band habe er sich danach zum Webpublisher ausbilden lassen. «Da ich mich aber nicht besonders gut verkaufen kann, hatte ich Schwierigkeiten, an Aufträge zu kommen.»

So holte Mathis seine Berufsmaturität nach, um Sozialpädagogik studieren zu können: «Ich habe die schriftliche Aufnahmeprüfung bestanden. Trotzdem wurde mir gesagt, dass ich mich nochmals melden solle, wenn ich etwas reifer sei.» Daraufhin habe er sich nochmals zusammengerauft und Art Education, sprich Vermittlung von Kunst und Design, studiert. «Seit 2016 suche ich in diesem Bereich nun einen Job, beispielsweise im Behindertenbereich, in Altersheimen oder in Jugendtreffs. Ich hatte viele Vorstellungsgespräche. Aber aufgrund meiner fehlenden Arbeitserfahrung habe ich aber nie eine Chance bekommen, mich zu beweisen. So habe ich nie den Sprung in die Arbeitswelt geschafft.» Er habe sich auch für unzählige einfachere Jobs beworben, sei aber überqualifiziert und koste zu viel. «In diesem Land gibt es einfach keinen Platz für mich», so Mathis enttäuscht.

Sanja Karthigesu (29): KV mit Weiterbildung

«Ich habe 2009 eine KV-Lehre abgeschlossen und von 2010 bis 2011 die Ausbildung «Business Hospitality Management» gemacht. Danach habe ich bis 2012 ein Praktikum in diesem Bereich absolviert und war beim RAV angemeldet. Seitdem bin ich ausgesteuert und finde keine Stelle. Ich habe sicher über 200 Bewerbungen geschickt. Zu Vorstellungsgesprächen wurde ich nicht eingeladen, ausser für kurze Temporärstellen. Es heisst immer nur: ‹Wir bedauern, Ihnen keinen positiven Bescheid geben zu können.› Auf telefonische Nachfrage erhält man auch nicht mehr Infos.

Die Situation belastet mich sehr. Vor allem die Tatsache, dass ich keine Chance bekomme.» Die vielen Absagen würden sie aufregen, doch sie habe sich bereits daran gewöhnt. «Ich halte mich mit Übersetzungen und Nachhilfeunterricht über Wasser. Zudem arbeitet mein Mann.» So komme sie über die Runden. Heute würde sie nicht mehr die gleiche Ausbildung machen: «Jetzt sehe ich, wie schwierig es ist, eine Stelle zu bekommen. Ich suche aber trotzdem noch weiter. Vielleicht klappt es ja irgendwann.»

Thomas Giehler (34): Master Nachhaltige Entwicklung

«Nach meinem Bachelor in Umweltwissenschaften an der Universität Oldenburg entschied ich mich für den interdisziplinären Master in Nachhaltiger Entwicklung an der Universität Basel.» 2015 schloss er diesen ab. Nur einige Wochen später folgte ein Schicksalsschlag: «Meine Mutter starb unerwartet. Als letzter Hinterbliebener musste ich mich deshalb um alle administrativen Tätigkeiten kümmern.» Die Praktikumssuche geriet so in den Hintergrund: «Für die eine Hälfte der Jobs scheine ich mit meinem Master überqualifiziert zu sein, und für die andere Hälfte habe ich angeblich zu wenig Berufserfahrung.»

Danach landete er beim RAV und wurde ausgesteuert. «Ich schrieb Hunderte von Bewerbungen und erhielt immer nur standardisierte Antworten.» Ein Jahr arbeitete er dann in einem Tankstellenjob. Danach habe er sich wieder beim RAV anmelden können, um Unterstützung bei der Stellensuche zu bekommen. «Doch das RAV scheint mit Studierten überfordert zu sein. Die erhoffte Unterstützung bekam ich nicht.» Nun steht er erneut vor der Aussteuerung: Momentan arbeite er in einem Call-Center und verkaufe Krankenversicherungen. «Es ist nicht mein Traumjob, aber ich bin froh, dass ich ihn habe. Damit kann ich meine Rechnungen bezahlen.» Thomas bereut seine Studienwahl eigentlich nicht: «Ich glaube, ein Studium mit Zukunft gewählt zu haben. Ich bin unserer Zeit wohl einfach voraus.» Es werde zwar laufend über Nachhaltigkeit und Klimaschutz gesprochen, doch keiner habe Interesse an Personen, die dieses Gebiet studiert hätten. «Ich bin nämlich nicht der Einzige meines Studiengangs, der keinen Job findet.»

Patrick B. (29): Bachelor in BWL

«Nach meiner Detailhandelslehre war ich drei Jahre Berufsmilitär. Danach ging ich auf Reisen und arbeitete in Bangkok als Immobilienmakler», sagt B. In der Schweiz habe er danach im Kundendienst gejobbt und BWL an einer britischen Uni studiert. «Ich habe 500 Bewerbungen geschrieben. Doch für meine Wunschjobs im Key Account Management oder Consulting bekomme ich aufgrund fehlender Arbeitserfahrung nur Absagen.» Für ihn nicht nachvollziehbar: «Ich habe acht Jahre Verkaufserfahrung und war mehrere Jahre als Geschäftskundenberater international tätig.» Es sei frustrierend, immer abgewiesen zu werden. Zurzeit halte er sich mit Temporärjobs über Wasser. «Doch in zwei Monaten werde ich ausgesteuert.» Die Situation werde für ihn psychisch immer belastender.

Hier erzählt Tamara mit ihren zwei Master-Abschlüssen im Video von ihrem Schicksal:

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