Ukraine-Krieg – Trotz aller Hoffnungen – «Russland ist klar im Vorteil»
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Ukraine-KriegTrotz aller Hoffnungen – «Russland ist klar im Vorteil»

Moskau hat seine Taktik neu ausgerichtet. Der Osteuropa-Wissenschaftler André Härtel sagt, was die neuen Kriegsziele sind. Und wieso, trotz allem Optimismus, der Kampf zwischen Russland und der Ukraine ein ungleicher bleiben wird. 

Ein russischer Militärkonvoi am 28. März auf dem Weg in die ukrainische Hafenstadt Mariupol. 

Ein russischer Militärkonvoi am 28. März auf dem Weg in die ukrainische Hafenstadt Mariupol. 

REUTERS

Herr Härtel, was sind mittlerweile Russlands Kriegsziele? 

Man geht das Ganze langfristiger an. Das dürfte gegenüber der eigenen Bevölkerung auch bald kommuniziert werden: Dann wird tatsächlich von einem Krieg in der Ukraine und nicht mehr von einer «Spezialoperation» gesprochen. Putin wird behaupten, dass der Westen sich eingemischt habe und man die «Spezialoperation» deswegen zum Krieg ausweiten müsse – nicht zum Krieg gegen den Westen, aber zu einem taktischen Krieg gegen den Westen, der in und mit der Ukraine geführt wird. 

Heisst, die Ukraine wird über Jahre keinen Frieden finden? 

Die jetzige Situation, so denke ich, wird über Monate weiter bestehen und in einen Abnutzungskrieg ohne erfolgreiche Verhandlungen oder Aussicht auf einen Frieden münden. Denkbar ist auch ein Waffenstillstand-Szenario ohne positiven Frieden. Das heisst, man kehrt nicht zu dem zurück, was vor Kriegsausbruch war, und beide Seiten bereiten sich auf einen neuen Krieg vor. 

«Dem optimistischen Szenario stehe ich skeptisch gegenüber»

André Härtel
Wie aus einem Albtraum: Die Strassen von Butscha in der Region Kiew. 

Wie aus einem Albtraum: Die Strassen von Butscha in der Region Kiew. 

REUTERS

Gibt es kein optimistisches Szenario? 

Doch, aber dem stehe ich skeptisch gegenüber: Der Westen unterstützt die Ukraine systematisch mit vielen hochwertigen Waffen sowie logistisch und wirtschaftlich und die ukrainische Armee kämpft weiter gut. In Verbindung mit der Wirkung der Sanktionen dürfte sich dann in Russland die Erkenntnis durchsetzen, dass man territorial mitnimmt, was geht, und den Krieg grundsätzlich beendet, weil er sich nicht mehr lohnt. Für dieses Szenario müsste Russland aber sowohl einen symbolischen wie auch einen geopolitischen Erfolg mitnehmen. 

«Russland wird in diesem Jahr sogar ein leichtes Plus erwirtschaften» 

André Härtel
Das Logo von Rosneft. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder sitzt im Verwaltungsrat des russischen Ölkonzerns. 

Das Logo von Rosneft. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder sitzt im Verwaltungsrat des russischen Ölkonzerns. 

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Den gesamten Donbass im Osten der Ukraine?

Nein, der reicht längst nicht aus, das wäre zuhause nicht als Erfolg zu verkaufen. Nur wegen des Donbass alleine hat man jetzt schon viel zu hohe Verluste hingenommen. Eher: Schliessung des südlichen Landkorridors mindestens bis zur Krim. Einnahme Odessas und Charkiws. Einnahme des gesamten Südens, also Abschliessung der Ukraine vom Meer. Das wären symbolisch und geopolitisch aussagekräftige Siege. Denn dann hätte man die Ukraine nachhaltig so geschwächt – der Zugang zum Meer weg, ein Grossteil der landwirtschaftlichen Produktionskapazität weg – dass die Ukraine in Zukunft ein ganz anderes Land wäre.  

Odessa und damit den Zugang zum Schwarzen Meer wird die Ukraine doch nie hergeben.

Derzeit sieht es militärisch nicht danach aus. Aber wir dürfen nicht vergessen: Russland passt jetzt die militärische Taktik an. Und kann den Krieg viel, viel länger durchhalten als die Ukraine. 

Länger durchhalten, obgleich die Ukraine vom Westen unterstützt und Russland hart sanktioniert wird? 

Die Sanktionen sind nicht so schmerzhaft. Russland hat zwar keinen Zugang etwa zu westlicher Technik. Das ist ein Problem, aber da gibt es Alternativlösungen, siehe China. Die Hauptargumente sind Cash und das Budget. Durch die Bezahlung der Energielieferungen kommt jeden Tag so viel Geld ins Land, dass die Russen in diesem Jahr sogar ein leichtes Plus erwirtschaften werden und das Budget relativ stabil bleiben wird. Ein Kollege von der SWP hat das ausgerechnet: Bei den Einnahmen, die das Land hat, ist der Krieg als Kostenfaktor fast vernachlässigbar. Russland kann den Krieg auch mit den bisherigen Sanktionen also fortführen. Zudem verfügt es noch über viele zusätzliche Truppen. 

«Am grundsätzlichen Ungleichgewicht hat sich nichts gross verändert

André Härtel
Sie versuchen, sich und ihre Stadt mit Sandsäcken vor russischen Angriffen zu schützen: die Bewohner der Schwarzmeer-Stadt Odessa. 

Sie versuchen, sich und ihre Stadt mit Sandsäcken vor russischen Angriffen zu schützen: die Bewohner der Schwarzmeer-Stadt Odessa. 

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Und die Ukraine? 

Ihre Wirtschaft liegt grösstenteils brach oder ist zerstört. Ihre militärische Kampfkraft wird gerade vollständig ausgeschöpft, und sie ist in hohem Masse von internationaler Hilfe abhängig, sowohl militärisch wie auch wirtschaftlich. Dabei ist die internationale Hilfe für die Ukraine lediglich eine Hilfe zum Überleben, aber damit kann man der verheerenden Zerstörung nicht entgegensteuern. 

Der Kampf bleibt also trotz aller Hoffnung ein ungleicher? 

So ist es. Die Asymmetrie zwischen den beiden Kriegsparteien hat sich nicht gedreht. Angenähert vielleicht, weil die Ukrainer sich so gut wehren und sich die Waffenlieferungen auf die ukrainische Kampfkraft auswirken. Aber am grundsätzlichen Ungleichgewicht, wo man alle Machtfaktoren, auch die wirtschaftlichen, mit einberechnet, hat sich nichts gross verändert. Die Russen sind klar im Vorteil. 

Zu Osteuropa-Wissenschaftler Härtel

(gux)

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