Analyse: Trotz Aufschwung arbeiten wir 20 Stunden mehr
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AnalyseTrotz Aufschwung arbeiten wir 20 Stunden mehr

Angestellte mussten 2016 im Vergleich zu 2013 fast 20 Stunden mehr pro Jahr arbeiten. Dies sei aufgrund des erwarteten Booms nicht mehr haltbar, sagen Gewerkschafter.

von
pam

SGB-Präsident Paul Rechsteiner erklärt, warum tiefere Arbeitszeiten nötig sind.

Im Vergleich zu 2013 arbeiteten Schweizer Angestellte im Jahr 2016 im Schnitt 19,5 Stunden mehr – das ist fast eine halbe Woche. Dies zeigt eine Analyse des Gewerkschaftsbundes, der die Jahresarbeitszeiten in verschiedenen Branchen untersucht hat. Die Unterschiede sind gross: Während Angestellte der öffentlichen Verwaltung kaum mehr arbeiten mussten, stieg die Arbeitszeit etwa bei Banken um mehr als 28 Stunden pro Jahr (siehe Box).

Hansjörg Schmid vom Verband Angestellte Schweiz führt die gestiegene Arbeitszeit unter anderem darauf zurück, dass beispielsweise in der Industrie der sogenannte «Krisenartikel» angewandt wurde. Diese Klausel in den Gesamtarbeitsverträgen erlaubt es Industrieunternehmen, die Arbeitszeit befristet heraufzusetzen. So arbeiteten Angestellte der Firma Bühler 45 statt 40 Stunden. Die Unternehmen konnten sich bis September 2017 auf den Krisenartikel berufen.

«Dieselbe Arbeit auf weniger Köpfe verteilt»

In der Branche Kredit- und Versicherungsgewerbe mussten die Angestellten seit 2013 über 28 Stunden pro Jahr mehr arbeiten. Hier hegt Schmid einen Verdacht: «Dieselbe Arbeit könnte einfach auf weniger Köpfe verteilt worden sein, weshalb die Arbeitszeit in die Höhe schnellte.» Allein im Jahr 2016 gingen laut der Bankiervereinigung im Bankensektor 1660 Stellen verloren.

Für Lampart sind die Anpassungen der Arbeitszeiten infolge des Frankenschocks nur eine Erklärung: «Dass die Firmen flächendeckend mehr arbeiten lassen, zeigt, dass es nicht allein daran liegen kann.» 2015, als die Schweizer Nationalbank den Mindestkurs zum Euro von 1.20 Franken aufgab, wurden Schweizer Produkte auf einen Schlag deutlich teurer. Das verschlechterte die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz.

Brückentage weg, Ladenöffnungszeiten verlängert

«Wir stellen fest, dass die Firmen immer mehr aus den Angestellten herauspressen wollen», sagt Lampart. Einige Firmen hätten den gefühlten Krisenmodus dazu genutzt, um schleichend die Präsenz der Angestellten am Arbeitsplatz zu erhöhen: «Brückentage zwischen Feiertagen wurden gestrichen, die Ladenöffnungszeiten im Detailhandel wurden ausgedehnt, oder Kündigungen wurden dazu genutzt, die Arbeitszeiten in den Verträgen anzupassen.»

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert angesichts dieser Entwicklung eine Umkehr: «In den letzten Monaten erlebte die Schweizer Wirtschaft einen Aufschwung. Davon müssen auch die Angestellten profitieren, indem die Arbeitszeit verkürzt wird.» Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) korrigierte jüngst seine Wachstumsprognose für 2018 von 2 auf 2,3 Prozent. Lampart hält fest: «Längere Arbeitszeiten sind heute nicht mehr zeitgemäss: Sie verhindern, dass etwa die Väter sich stärker zu Hause engagieren können.»

«Zahl der Arbeitsstunden ist nicht das Problem»

Daniela Schneeberger, FDP-Nationalrätin und Vorstandsmitglied des Gewerbeverbandes, kann die Forderung nach einer Verkürzung der Arbeitszeit nicht gutheissen. «Gerade wenn die Wirtschaft wieder wächst, brauchen die Firmen ihre Mitarbeiter, da die Auftragsbücher voll sind.» Zum Argument, kürzere Arbeitszeiten seien für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtig, sagt sie: «Die Flexibilität ist viel wichtiger als die Zahl der Stunden.» Der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei mehr gedient, wenn die Angestellten einmal eine gewisse Zeit deutlich mehr oder auch im Homeoffice arbeiten dürften und diese Stunden dann kompensieren könnten.

Das sagen die Arbeitgeber

Auf Anfrage schreibt der Arbeitgeberverband, die Analyse des SGB berücksichtige die unterschiedlich anfallenden Feier- und Sonntage sowie die Schaltjahre nicht. «Im Schaltjahr 2016 kamen 2 Arbeitstage gegenüber dem Jahr 2013 hinzu», sagt Daniella Lützelschwab. Allein wegen dieses «Schaltjahr-Effekts» habe sich die jährliche Arbeitszeit um rund 16 Stunden erhöht. Und: «Sollte in der Vergangenheit die Arbeitszeit als Instrument zur Arbeitsplatzsicherung erhöht worden sein, gehen wir davon aus, dass diese Massnahmen auslaufen und wieder zur betriebsüblichen Arbeitszeit zurückgekehrt wird.»

Veränderung Jahresarbeitszeit 2013-2016

1. Kunst & Unterhaltung: +34,9 Stunden

2. Verkehr und Lagerei: +32,6 Stunden

3. Versicherungsgewerbe: +28,6 Prozent

4. Information & Kommunikation: +27,8 Prozent

5. Freiberufler: +26,6 Prozent

6. Handel: +23,2 Prozent

7. Gastgewerbe: +21,8 Prozent

8. Verarbeitendes Gewerbe: +18 Prozent

9. Öffentliche Verwaltung: +3,9 Prozent

10. Baugewerbe: -7,1 Prozent

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