Trotz Calvin gibt es keine Calvinisten
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Trotz Calvin gibt es keine Calvinisten

Es kling seltsam: 500 Jahre nach der Geburt des Reformators Johannes Calvin gibt es keine Calvinisten.

von
Ernst E. Abegg (AP)

In aller Welt gibt es laut Experten nur calvinistisch geprägte protestantische Kirchen. Und diese feiern den 500. Geburtstag des grossen Reformators ausgiebig - in Genf, dem «protestantischen Rom», wie in halb Europa.

Dass es - im Gegensatz zur lutheranischen Kirche - weder eine calvinistische noch eine zwinglianische Kirche, sondern nur reformierte beziehungsweise protestantische Kirchen gibt, gehört mit zu Calvins Verdiensten. Denn dem aus Frankreich stammenden Genfer Reformator lag die Einheit der Kirche am Herzen. Es könne gar nicht sein, «dass es mehrere Kirchen gibt!» Sonst würde Christus zerstückelt, schrieb Calvin in seiner zwischen 1536 und 1559 mehrfach überarbeiteten «Institutio», seinem Hauptwerk. Die Einheit der Kirche sei von Gott her unzerstörbar. Es bekümmerte ihn, dass dies die Menschen nicht begriffen.

Calvin versuchte, zwischen den Lagern des radikalen Züricher Reformators Huldrych (Ulrich) Zwingli und des gemässigteren deutschen Reformators Martin Luther zu vermitteln. Er selbst befand sich etwa in der Mitte der beiden Positionen, wie Serge Fornerod vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) auf Anfrage in Bern sagte. Die Vermittlung missglückte. Calvin besiegelte aber 1549 mit Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger den «Consensus Tigurinus», den Zürcher Konsens. Damit standen die Schweizer Protestanten den Lutheranern gegenüber, «statt zusammen gegen die Gegenreformation der römisch-katholischen Kirche zu kämpfen», wie Fornerod, der Leiter der SEK-Abteilung Kirchenbeziehungen, sagte.

Differenzen in der Abendmahlsfrage beigelegt

Mit dem Zürcher Konsens, zu dessen Zustandekommen Calvin laut Fornerod erhebliche Zugeständnisse machen musste, wurden unter anderem Differenzen in der Abendmahlsfrage beigelegt. Danach sind Jesu Abendmahlsworte «Dies ist mein Leib» und «Dies ist mein Blut» nur im übertragenen Sinn zu verstehen, weil «von Brot und Wein gesagt wird, sie 'seien', was sie bezeichnen». Die Verwandlung von Brot und Wein in Christi Leib und Blut, die sogenannte Transsubstantiation, wurde verworfen, ebenso die Hostienverehrung der katholischen Kirche, wie sie etwa im Fronleichnamsfest zum Ausdruck kommt.

Es sei «eine typisch reformierte Haltung», dass es keine calvinistische oder zwinglianische Kirche gebe, sagte Fornerod: «Es ging um die Reformation der Kirche und nicht um Namen.» Das gelte auch für andere reformierte Kirchen - Presbyterianer, Waldenser, Hussiten, Methodisten und andere. Die verschiedenen Ausgestaltungen des reformierten Glaubens mit ihren unterschiedlichen Formen und Interpretationen gingen aber alle direkt oder indirekt auf Calvin oder Zwingli zurück, sagte Fornerod.

Keine Abspaltung in den vergangenen 40 Jahren

Calvins Streben nach Einheit der Kirche scheint weiter zu wirken. Denn in den vergangenen 40 Jahren gab es laut Fornerod bei Europas Reformierten keine Abspaltung mehr. Er führte dies auf die sogenannte Leuenberger Konkordie zurück, die im März 1973 auf dem Leuenberg bei Basel unterzeichnet worden war. Aus ihr entstand die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), die Leuenberger Kirchengemeinschaft. Sie zählt derzeit laut GEKE unter dem Motto «Einheit in versöhnter Verschiedenheit» 105 Mitgliedskirchen.

Bildet in Genf der Reformierte Weltbund, der weltweit rund 80 Millionen Protestanten umfasst, gewissermassen den calvinistisch-zwinglianischen Zweiklang, sorgt der ebenfalls im «protestantischen Rom» ansässige Lutherische Weltbund, der gegen 70 Millionen Menschen vertritt, gewissermassen für den evangelischen Dreiklang. Auch hier scheint Calvins Geist zu wirken: Fornerod konstatiert zwischen den beiden Organisationen erhebliche Annährungen.

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