11.09.2015 10:13

Doktor Sex

«Trotz Gesprächen wird der Sex nicht besser!»

In Sues Beziehung überwiegt der Stress. Geschlafen wird in getrennten Betten und Körperkontakte sind selten. Die Begegnung mit einem anderen Mann verspricht Besserung. Ist dies die Lösung?

von
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Unzufriedenheiten beim Sex sind oft Auslöser von Spannungen in der Beziehung. (Symbolbild: «Scary Movie 5», The Weinstein Company)

Unzufriedenheiten beim Sex sind oft Auslöser von Spannungen in der Beziehung. (Symbolbild: «Scary Movie 5», The Weinstein Company)

Frage von Sue (25) an Doktor Sex: Ich bin seit fünf Jahren in einer Beziehung mit Höhen und Tiefen. Aber seit ein paar Monaten überwiegt der Stress. Wir schlafen nicht mehr im selben Bett. Sex haben wir nur noch selten und wenn, dann ist er langweilig. Immer wieder wurde ich diesbezüglich von ihm abgelehnt und irgendwann habe ich aufgehört, mich ihm zu zeigen, um nicht erneut zurückgewiesen und verletzt zu werden. Ich habe auch oft mit ihm über Sex gesprochen, aber es hat sich nie etwas geändert. Vor einer Woche nun habe ich einen Mann getroffen, der das gewisse Etwas hat. Wir haben uns auch geküsst, mehr lief jedoch nicht. Immer wenn wir zusammen sind, fühle ich mich wohl und geniesse die Begegnung mit ihm. Gleichzeitig habe ich aber auch ein schlechtes Gewissen meinem Freund gegenüber. Er macht sehr viel für mich und das schätze ich sehr. Der andere Typ weiss, dass ich vergeben bin. Er sagt, ich solle mein Zeug klären. Ich wollte eigentlich mit meinem Freund reden und ihm eine Beziehungspause oder eine offene Beziehung vorschlagen. Aber mittlerweile weiss ich nicht mehr, was ich tun soll.

Antwort von Doktor Sex

Liebe Sue

Was Beziehungskrisen angeht, beobachte ich immer wieder das gleiche Muster: Zuerst ist da eine Unstimmigkeit – also eine Sache oder eine Situation, zu der unterschiedliche Standpunkte vorhanden sind. Die Meinungsverschiedenheit wird angegangen, es werden Gespräche geführt. Diese führen jedoch nicht zu einer Lösung. Auch weitere Versuche scheitern, eine Klärung und damit eine Veränderung der Angelegenheit herbeizuführen. Im Verlauf dieses Prozesses nimmt bei beiden die emotionale Spannung zu. Auf der einen Seite, weil eine als unbefriedigend empfundene Situation sich nicht verändert, auf der anderen, weil eine als unproblematisch empfundene Situation verändert werden soll. Nach und nach wird das, was einmal eine Unstimmigkeit war, zu einem chronischen und unlösbaren Problem. Zwar finden darüber noch Gespräche statt, diese dienen aber nicht mehr der Lösungsfindung, sondern haben nur noch den Zweck, sich gegenseitig zu bestätigen, dass man ein Problem hat, und sich Schuldzuweisungen zu machen.

Manche Paare halten sich über Jahre in dieser Situation gefangen und werden – in ihren je unterschiedlichen Rollen – zu wahren Meistern im Aufrechterhalten des Problems. Der Eine greift an, die Andere wehrt ab – oder umgekehrt. Die Taktik schleift sich ein, die Sätze und das Verhalten werden mehr und mehr automatisiert. Das Prinzip scheint zu sein: Wenn wir schon keine Lösung haben, dann pflegen wir wenigstens das Problem. Dies dauert meist so lange, bis die eine oder andere Person etwas erlebt, das den Mechanismus durchbricht. Wie in deinem Fall beispielsweise eine Begegnung mit einem Menschen. Dadurch kommt ein neues Element ins Beziehungssystem, das von mindestens einer Person als Chance zur Veränderung wahrgenommen wird. Wenn ein Paar zu diesem Zeitpunkt bei mir in der Beratung ist, denke ich oft: Schön, nun kommt Bewegung in die Sache. Aber weil eine echte Lösung bedeutet, das Problem zu verlieren, an das man sich gewöhnt hat, gestaltet sich das Ganze meist nicht so einfach.

Bei euch verhält es sich ähnlich. Du bist nun aufgefordert, dich zu entscheiden. Was dein «Schwarm» sagt, macht Sinn: Kläre dein Zeug. Ich füge noch hinzu: Und sprich mit deinem Freund. Aus Bequemlichkeit zu bleiben und sich gleichzeitig anderswo ein bisschen von dem zu holen, was in der Beziehung mit ihm fehlt, ist auf Dauer keine Lösung – genauso wenig, wie einfach abzuhauen.

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