26.10.2020 18:20

Doktor Sex«Trotz Mann und Kindern sehne ich mich nach einer Frau»

Mia glaubt, sie müsste eigentlich glücklich sein mit all dem, was ihr das Leben bisher geschenkt hat. Trotzdem gelingt ihr dies nicht, da sie sich zunehmend nach einer Frau an ihrer Seite sehnt. Soll sie alles hinschmeissen?

von
Bruno Wermuth
Mia (36) ist verwirrt: Trotz Ehe und Kindern fühlt sie sich plötzlich zu Frauen hingezogen. Doktor Sex weiss Rat. 

Mia (36) ist verwirrt: Trotz Ehe und Kindern fühlt sie sich plötzlich zu Frauen hingezogen. Doktor Sex weiss Rat.

iStock/Getty Images

Frage von Mia (36) an Doktor Sex

Ich bin seit sechs Jahren verheiratet, habe mit meinem Mann zwei liebe Kinder, eine tolle Eigentumswohnung, Haustiere, einen erfüllenden Job und somit eigentlich vieles, was eine junge Frau glücklich machen müsste.

Trotzdem spüre ich seit zwei Jahren immer heftiger das Verlangen nach einer Frau als Partnerin. Gegen den wöchentlich Sex mit meinem Mann entwickle ich zunehmend Widerstände, und seinen Penis möchte ich weder anfassen noch in mir haben.

Als Teenager lebte ich bisexuell und hatte sowohl hetero- als auch homosexuelle Beziehungsformen kennengelernt. Stand jetzt würde ich mich aber als lesbisch bezeichnen. Was soll ich tun? Muss ich das familiäre Glück über meines stellen? Oder soll ich alles hinschmeissen und meine Bedürfnisse ausleben?

Antwort von Doktor Sex

Liebe Mia

Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist nicht so eindeutig bestimmbar wie es den Anschein macht, da die damit zusammenhängenden komplexen physischen, psychischen, emotionalen und geistigen Vorgänge nicht angemessen in abstrakten Kategorien wie hetero-, homo- oder bisexuell abgebildet werden können.

Wie der Sexualforscher Alfred Kinsey bereits in den 50er-Jahren zeigen konnte, vermischt sich bei der grossen Mehrheit der Männer und Frauen Hetero- und Homosexualität. Nur wenige ordnen sich eindeutig dem einen oder anderen Extrem zu. Einfach gesagt sind wir also alle ein bisschen bi.

Es sind immer subjektive Kriterien, die für einen einzelnen Menschen den Ausschlag geben, sich einer bestimmten sexuellen Orientierung zuzuordnen, also von sich zu sagen, er oder sie stehe auf Männer oder Frauen oder beide Geschlechter. Auch du hast ja in deiner Jugend offenbar erst nach einer Phase des Suchens deiner heterosexuellen Seite den Vorzug gegeben.

Und nun – 20 Jahre, zwei Mutterschaften und eine länger dauernde heterosexuelle Beziehung später – tritt dein lesbischer Teil stärker in den Vordergrund. Schwierig daran ist aber nicht die Homoerotik, denn damit kennst du dich ja schon aus, sondern der Umstand, dass du in Verbindlichkeiten eingebunden bist, die es dir verunmöglichen, dich nun einfach in ein Abenteuer zu stürzen.

Ich denke, es braucht eine gewisse Grosszügigkeit im Umgang mit dieser Situation. Du bist ja nicht entweder «Hetero-Partnerin und Mutter» oder «lesbische Singlefrau». Sinnvoll scheint mir, nach Wegen zu suchen, die ein Miteinander dieser beiden Seiten ermöglichen.

In deiner Rolle als Mutter bist du weiterhin mit deinen Kindern und der Familie verbunden, während du deine Rolle als Bi-Frau erweiterst und dir das Recht herausnimmst, neben deinem Mann auch noch eine Frau zu lieben. Auch wenn diese Beziehungsentwicklung nicht einfach sein dürfte: Ich wünsche euch von Herzen, dass sie gelingen möge!

Deine Frage an Doktor Sex

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Du kannst deine Frage per Formular oder per Email an doktor.sex@20minuten.ch schicken.

Bild: Gian Losinger

Bild: Gian Losinger

Bruno Wermuth ist Einzel-, Paar- und Sexualberater mit eigener Praxis in Bern und Zürich. Als «Doktor Sex» beantwortet er einmal wöchentlich eine Frage zu den Themen Beziehung, Liebe und Sex. www.brunowermuth.ch

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