Aktualisiert 08.06.2018 10:39

ZugpersonalTrotz mehr Gewalt kürzt SBB bei Zugbegleitern

Fernverkehrszüge sollen teilweise wieder mit nur einem Zugbegleiter unterwegs sein. Das sei falsch angesichts der zunehmenden Aggressivität in Zügen, kritisiert das Personal.

von
Stefan Ehrbar
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Vor acht Jahren beschloss die SBB, dass auf Fernverkehrs-Zügen immer zwei Zugbegleiter unterwegs sein sollen. Dieses Prinzip soll nun aufgeweicht werden.

Vor acht Jahren beschloss die SBB, dass auf Fernverkehrs-Zügen immer zwei Zugbegleiter unterwegs sein sollen. Dieses Prinzip soll nun aufgeweicht werden.

Keystone/Christian Beutler
Die Aggressionen gegen das Zugpersonal stagnierten auf hohem Niveau, Angriffe seien sogar heftiger geworden, so der SEV. Deshalb fordere man auf kritischen und langen Zügen auch weiterhin die Zweierbegleitung.

Die Aggressionen gegen das Zugpersonal stagnierten auf hohem Niveau, Angriffe seien sogar heftiger geworden, so der SEV. Deshalb fordere man auf kritischen und langen Zügen auch weiterhin die Zweierbegleitung.

Keystone/Christian Beutler
Die SBB argumentiert, dass auch künftig auf den meisten Fernverkehrszügen zwei oder sogar mehr Zugbegleiter zum Einsatz kommen sollen.

Die SBB argumentiert, dass auch künftig auf den meisten Fernverkehrszügen zwei oder sogar mehr Zugbegleiter zum Einsatz kommen sollen.

iStock

Alle zwei bis drei Tage wird ein Zugbegleiter in der Schweiz angegriffen, beschimpft oder bespuckt. Vorfälle ereignen sich meist bei Billettkontrollen, so der «Zürcher Oberländer». Vor acht Jahren entschied die SBB, dass auf Fernverkehrszügen grundsätzlich zwei Zugbegleiter mit dabei sein sollen.

Nun will die SBB den Entscheid wieder zurücknehmen. Im Rahmen des Projekts «Kundenbegleitung 2020» soll die sogenannte integrale Zweierbegleitung abgeschafft werden – dies schon ab dem Fahrplanwechsel. Dieser Entscheid des SBB-Managements löse bei den Zugbegleitern grosse Ängste aus, sagt Jürg Hurni, Zentralsekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV). Denn es werde die Grundlage dafür geschaffen, dass Fernverkehrszüge nur noch mit einer Person begleitet würden. Auch dass am Ende Stellen eingespart würden, sei nicht auszuschliessen.

«Die Hälfte der Kunden bekommt keinen Zugbegleiter zu Gesicht»

«Eine Zweierbegleitung ist aus Gründen der Sicherheit von Kunden, aber auch des Personals, nötig», sagt Hurni. Die Aggressionen seien nicht weniger geworden, gerade bei gewissen Verbindungen am Abend oder frühmorgens am Wochenende sei das Gewaltpotential gross. Die Zahl der Vorfälle stagniere auf hohem Niveau, die Aggressionen seien gar noch heftiger geworden.

Die Gewerkschaft fordert nun, dass die SBB an der Zweierbegleitung festhält, insbesondere für kritische Züge, auf denen sich viele Vorfälle ereignen, Züge nach 22 Uhr und solche mit mehr als sechs Wagen. «Diese Forderungen decken sich mit einer Umfrage, die der Zugpersonalverband durchgeführt hat. Sie bestätigt klar, dass das Personal keine Einerbegleitung will», sagt Hurni.

Auch Karin Blättler von Pro Bahn fordert die SBB auf, über die Bücher zu gehen: «Wenn nur ein Zugbegleiter auf dem Zug ist, bekommt die Hälfte der Kunden keinen Begleiter zu Gesicht. Das ist schlecht in Notfällen, oder wenn man eine Auskunft vom Zugpersonal benötigt.» Zudem entgingen zu viele Passagiere einer Kontrolle. «So wird das Schwarzfahren begünstigt. Das kann es nicht sein.» Und: Ziehe die SBB wie geplant ganze Teams zusammen, um schnelle Grosskontrollen durchzuführen, verunsichere dies die Kunden eher. Dagegen steigere eine Zweierbegleitung das Sicherheitsgefühl.

«Bei der Sicherheit macht die SBB keine Kompromisse»

Die neuen Pläne der SBB sehen vor, dass Fernverkehrszüge in drei Kategorien aufgeteilt werden. Auf Zügen der ersten Kategorie müssen wegen regulatorischer Vorgaben des Bundes auch weiterhin zwei Zugbegleiter dabei sein. Auf Zügen der zweiten Kategorie sollen in der Regel zwei Zugbegleiter dabei sein, in Ausnahmefällen aber nur einer. Auf Zügen der dritten Kategorie soll nur bei Bedarf mehr als ein Zugbegleiter eingesetzt werden.

Laut SBB-Sprecher Reto Schärli ist es noch nicht im Detail festgelegt, bei welchen Zügen es Änderungen gibt. Aber: «Auch künftig werden die Kundenbegleiter zu einem grossen Teil mindestens zu zweit im Zug präsent sein.» Die Befürchtungen, die Einerbegleitung gefährde die Sicherheit des Personals oder der Kunden, weist er zurück: «Bei der Sicherheit macht die SBB keine Kompromisse. Die Bedürfnisse des Personals und der Kunden sind zentral. Die zuständigen Sicherheitsgremien tauschen sich regelmässig aus und besprechen die Begleitstrategie der Züge.»

Schärli sagt, das veränderte Umfeld mit der Digitalisierung verändere auch die Bedürfnisse der Kunden und die Anforderungen ans Zugpersonal. Das Berufsbild des Zugbegleiters werde deshalb weiterentwickelt – künftig heissen sie «Kundenbegleiter»: «Das Personal wird noch stärker dort präsent sein, wo es den Kundinnen und Kunden den grössten Nutzen bringt – im Zug, am Bahnhof und auf dem Perron.»

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