Oralbeutel: Trotz Tabak-Debatte: Snus auf dem Vormarsch
Aktualisiert

OralbeutelTrotz Tabak-Debatte: Snus auf dem Vormarsch

In Zeiten, in denen das Parlament Tabak-Konsumenten an die kurze Leine nehmen will, stellt sich eine Mehrheit des Nationalrats hinter eine Snus-Legalisierung. Ein Erfolg für SVP-Mann Lukas Reimann.

von
S. Heusser

Schwarze Zähne statt blauer Dunst: Zeitgleich mit der Forderung nach höheren Tabakpreisen (20 Minuten berichtete), steht die Mehrheit des Nationalrats hinter einer Initiative von Lukas Reimann (SVP), die den Vertrieb des Oraltabaks Snus in der Schweiz erlauben will. Die in Beuteln konsumierte Tabakform darf bis anhin nur zum Eigengebrauch importiert werden. Sie soll dereinst Schnupf- und Kautabak gleichgestellt und am Kiosk verfügbar sein, sollten sich die Pläne des Initianten erfüllen.

115 Nationalräte haben die parlamentarische Initiativevon Reimann mitunterzeichnet – darunter nicht wenige Gesundheitspolitiker. Der St. Galler Nationalrat führt unter anderem die geringere Gesundheitsbelastung im Vergleich mit Zigaretten und das Ausbleiben von Passivrauch als Argumente für eine Gesetzesänderung auf. Doch warum befürworten in Zeiten der Tabak-Geisselung so viele Parlamentarier eine Legalisierung des Mundtabaks? «Die guten Argumente haben vielen Politikern eingeleuchtet», sagt Reimann.

Konsum nur in geschlossenen Kreisen

Parteikollege und Gesundheitspolitiker Jürg Stahl, ebenfalls ein Befürworter höherer Zigarettenpreise, kritisiert den Widerspruch im aktuellen Gesetz: «Das Importverbot von Snus in Beuteln und der zugleich erlaubte Konsum machen wenig Sinn.» Die grüne Nationalrätin und Ärztin Yvonne Gilli glaubt, dass die Illegalisierung von Tabak ohnehin nichts bringt: «Es wird trotzdem konsumiert. Dabei fehlt einfach die Kontrolle.» Gesundheitskommissions-Kollegin Daniela Schneeberger (FDP) ist der Meinung, dass dem Snus-Verbot die Verhältnismässigkeit im Vergleich zu anderen Tabakformen abgehe: «Es macht keinen Sinn, Snus zu verbieten, während man Zigaretten erlaubt.»

Stahl, der selber zweimal Snus probiert hat und dem davon nur übel wurde, ist der Meinung, dass jeder eigenverantwortlich mit seiner Gesundheit umgehen müsse: «Man sollte den Menschen ruhig etwas erlauben und darauf vertrauen, dass sie den Snus selbstverantwortlich einsetzen.» Nur Müsli essen und Mineralwasser trinken mache den wenigsten Leuten Spass, so Stahl. Da das «Snusen» hauptsächlich in bestimmten Kreisen, etwa unter Eishockeyspielern, stattfinde, fürchtet er auch nicht, dass es durch die leichtere Verfügbarkeit zu einem Massenphänomen würde. SP-Nationalrätin Bea Heim erhofft sich von der Diskussion vor allem die Klärung der Frage, ob Snus in der Tat weniger schädlich sei als Rauchen. «Falls ja, halte ich eine Aufhebung der Einschränkung beim Snus-Konsum für möglich.»

«Es kommen noch viele Hürden»

Politologe Louis Perron kann sich nicht vorstellen, dass es bei der Snus-Zustimmung um ein Entgegenkommen angesichts der vielen Tabak-Verbote handelt. Es sei nämlich klar, dass sich der Wind gedreht habe: «Die Gesellschaft will den Tabak an den Rand drängen.» Nur so sei zu verstehen, warum nicht nur höhere Zigarettenpreise, sondern auch Rauchverbote in Beizen und Zügen längst akzeptiert würden. Den Erfolg ordnet Perron allein Reimann zu: «Es ist ihm gelungen, das Thema als unpolarisierndes Detail zu positionieren und damit eine Koalition von links bis rechts zu schmieden.» So habe wohl der Widerspruch, dass Snus eingeführt, aber nicht verkauft werden dürfe, auf viele unsinnig gewirkt.

Trotz des bisherigen Erfolgs darf Reimann sich aber nicht zurücklehnen. «Die Initiative fand in erster Instanz eine breite Unterstützung», sagt Yvonne Gilli, «doch es kommen noch viele Hürden.» Sie wünscht eine Diskussion, um sich eine vertiefte Meinung zu bilden. «Wie ich am Ende entscheiden werde, lasse ich aber noch offen. Ich glaube, viele vertreten eine ähnliche Haltung.»

Snus ist ein mit Salzen versetzter Tabak, der unter die Ober- oder Unterlippe gesteckt wird. Das Salz dient dazu, den pH-Wert im Mund aufrecht zu erhalten, was die Aufnahme von Nikotin begünstigt. Nach langer und trockener Lagerung kann das Salz auskristallisieren und im Mundraum zu Verletzungen führen. Als feuchtes Pulver in Dosen à 50 Gramm verpackt muss es vor Gebrauch portioniert werden. Wenn der Snus in kleine Beutel aus Zellulose verpackt ist, spricht man von Portions-Snus.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erlaubt die Einfuhr von 1.2 kg zum Eigengebrauch. Dies entspreche der Menge, welche für eine durchschnittlich konsumierende Person für zwei Monate ausreicht. Das BAG stuft Snus als weniger gesundheitsschädigend ein als das Rauchen von Zigaretten. Trotzdem weist es auf Risiken hin: Das Nikotin mache abhängig. Krebserregende Stoffe könnten Krebs in der Bauchspeicheldrüse verursachen. (sth)

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