Medien-Analyse: Trump beschäftigte uns 2016 mehr als der Terror
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Medien-AnalyseTrump beschäftigte uns 2016 mehr als der Terror

Sie haben das Gefühl, dass Sie dieses Jahr vor allem Bad News erreicht haben? Schweizer Forscher geben Ihnen recht.

von
J. Büchi
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Rang 20: Wie es der Wirtschaft geht, interessierte dieses Jahr weniger als noch 2015. Der Konkunkturverlauf schafft es nur knapp in die Top 20.

Rang 20: Wie es der Wirtschaft geht, interessierte dieses Jahr weniger als noch 2015. Der Konkunkturverlauf schafft es nur knapp in die Top 20.

Nikolai Huland
Rang 19: Die Kostendebatte im Gesundheitswesen hatte hingegen etwas mehr Resonanz als im Vorjahr.

Rang 19: Die Kostendebatte im Gesundheitswesen hatte hingegen etwas mehr Resonanz als im Vorjahr.

Keystone/Christian Beutler
Rang 18: Die Terroranschläge, die im März in Brüssel 35 Tote forderten, schockten die Schweiz. Viel geschrieben wurde auch über die LKW-Attacke in Nizza, den Anschlag auf ein Hotel in Burkina Faso, das Attentat auf einen Schwulenclub in Orlando und den Amoklauf in München.

Rang 18: Die Terroranschläge, die im März in Brüssel 35 Tote forderten, schockten die Schweiz. Viel geschrieben wurde auch über die LKW-Attacke in Nizza, den Anschlag auf ein Hotel in Burkina Faso, das Attentat auf einen Schwulenclub in Orlando und den Amoklauf in München.

Geert Vanden Wijngaert / Pool

«2016, lass es jetzt doch mal gut sein. Es reicht, wirklich!» Immer zahlreicher werden die Social-Media-Einträge, die mit dem ausklingenden Jahr abrechnen. Die Absender hegen einen grossen Wunsch: dass das neue Jahr bessere Schlagzeilen für uns bereithält als das vergangene.

Wer sich in den letzten zwölf Monaten in der Schweiz über das Weltgeschehen informierte, kam tatsächlich kaum um schwere Kost herum. Das zeigt eine Untersuchung des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich. Die Forscher haben ausgewertet, welche Ereignisse 2016 in den grossen Schweizer Medien die höchsten Wellen schlugen.

Flüchtlinge, Krieg und Terror in Top 20

Die Themenfelder Terror und Islamismus sind in den Top 20 gleich mehrfach vertreten: Ganz weit oben im Ranking finden sich die Flüchtlingskrise in Europa und der Bürgerkrieg in Syrien (Ränge 2 und 3). Aber auch der IS-Konflikt, die Debatte um Jihadisten in der Schweiz und der Terroranschlag in Brüssel warfen ihre langen Schatten auf die Schweiz.

«Der Eindruck, dass das Jahr 2016 von viel Gewalt und zahlreichen Konflikten geprägt war, täuscht nicht», sagt Dominik Unternährer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am FÖG. So habe die Berichterstattung über den syrischen Bürgerkrieg dieses Jahr noch an Intensität gewonnen. «Zudem beschäftigte der Putschversuch in der Türkei und die Entwicklungen in der Folge die Öffentlichkeit stark.»

Attentate: Von Brüssel bis Berlin

Den Attentaten von 2016 widmen die Forscher eine separate Auswertung: Der Brüsseler Terroranschlag im März erhielt in den Medien demnach am meisten Gewicht, gefolgt von der LKW-Attacke in Nizza im Juli. An dritter Stelle folgt der Überfall von Extremisten auf ein Hotel in Burkina Faso, bei dem der frühere Post-Direktor Jean-Noël Rey und ein ehemaliger Walliser Lokalpolitiker ums Leben kamen.

Weiter prägten auch der Anschlag auf einen Schwulen-Club in Orlando vom Juni und der Amoklauf in München im Juli die Berichterstattung. Das jüngste Attentat in Berlin wird in der Analyse nicht mehr berücksichtigt, da der Untersuchungszeitraum am 11. Dezember endete.

Trump und Brexit – politische Erdbeben

Kein Ereignis, keine andere Person kam 2016 in ihrer Wucht an ihn heran: Donald Trump. Die Präsidentschaftswahlen in den USA waren mit Abstand das meistbeachtete Ereignis dieses Jahres. «Trump ist als Person ein Medienphänomen – das kannten wir bisher in dieser Form nicht», so Unternährer.

Sehr viel Beachtung erhielt auch der Entscheid Grossbritanniens, die EU zu verlassen – der Brexit belegt Rang 4. Die Wahlen in Österreich mit dem Beinahe-Erfolg des rechtspopulistischen Norbert Hofer und die Wahlerfolge der rechten AfD in Deutschland liessen die Tasten in den Schweizer Redaktionen ebenfalls glühen.

Postdemokratie und EU-Krise

Die politischen Überraschungen, die das Jahr 2016 bereithielt, haben tiefschürfende Grundsatz-Debatten entfacht, wie die Analyse weiter zeigt: Unser politisches System sei 2016 «intensiviert kritisch debattiert» worden, heisst es in der Studie.

Übergeordnete Debatten beschäftigen sich demnach vermehrt mit den Schwächen und der Zerbrechlichkeit der Demokratie – «Postdemokratie» ist das Wort der Stunde. Auch die Krise der Europäischen Union wurde eingehend diskutiert. «Wir erlebten ein Jahr der Grundsatzfragen», so Unternährer. Plötzlich habe sich ganz konkret die Frage gestellt, ob die EU noch eine Zukunft habe.

Dominante SVP

Innenpolitisch sorgte 2016 neben dem Atomausstieg und der Altersvorsorge vor allem die Ausländerpolitik für Zündstoff. Dies nicht nur wegen der Abstimmung über das neue Asylgesetz (Rang 5). Auch die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative , die Durchsetzungsinitiative und die Burkadebatte nahmen in den Medien viel Platz ein.

Dazu passt, dass die SVP von allen politischen und wirtschaftlichen Akteuren am meisten Erwähnung fand in TV, Radio und Zeitungen: Sie wurde in 2115 Beiträgen genannt – mehr als doppelt so oft als die übrigen Parteien. Allerdings fielen die Berichte über die SVP im Schnitt auch am kritischsten aus. Die CVP und die BDP fanden sich ebenfalls oft in einem unschmeichelhaften Licht wieder, während die Berichte über die SP und die FDP weder besonders positiv noch besonders negativ gefärbt waren.

Sport als Lichtblick

Zumindest für Sportfans hielt das Jahr 2016 auch Erfreuliches bereit: Sowohl die Fussball-Europameisterschaft in Frankreicht als auch die Olympischen Spiele in Rio stiessen in den Medien auf viel Resonanz (Rang 6 und 7). «Gerade in schwierigen Zeiten ist das Bedürfnis nach Soft News gross», so Unternährer. Wie wichtig der Sport in unserer Gesellschaft sei, zeige sich auch daran, dass sämtliche untersuchten Medien das Thema breit abgehandelt hätten.

Todesfälle dominieren Promi-News

Zu den versöhnlicheren Nachrichten gehören für gewöhnlich auch jene aus der Welt der Prominenten. Allerdings war selbst diese Freude 2016 getrübt: Anders als noch im Vorjahr befinden sich unter den fünf wichtigsten People-Ereignissen gleich drei Todesfälle: Der Suizid des Spitzenkochs Benoît Violier beschäftigte die Schweizer Medien dieses Jahr noch stärker als der Tod der Popstars David Bowie und Prince. Dafür, dass die Liste der wichtigsten People-Themen nicht ganz so morbid daherkommt, sorgen zwei Tennis-Stars: Roger Federer und Stanislas Wawrinka gehören zu den Prominenten, über die 2016 in der Schweiz am meisten berichtet wurde.

Die vollständige Rangliste der wichtigsten Medien-Ereignisse 2016 finden Sie in der Bildstrecke.

Jeder Artikel analysiert

Jeder Artikel analysiert

Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich hat vom 1. Januar bis am 11. Dezember 2016 die Berichterstattung von neun Leitmedien untersucht. Berücksichtigt wurden sämtliche Beiträge der NZZ, des Tages-Anzeigers, von 20 Minuten, Blick, der Tagesschau (SRF), Rendez-vous (Radio SRF1), Le Temps, Le Matin und Le Journal (RTS Un).

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