Letzte TV-Debatte: Trump sprintete – doch schoss sich selbst ins Bein
Aktualisiert

Letzte TV-DebatteTrump sprintete – doch schoss sich selbst ins Bein

Trumps Weigerung, das Wahlergebnis auf jeden Fall zu akzeptieren, vernichtete eine sonst gute Debattenleistung gegen Clinton.

von
Martin Suter
New York

Donald Trump erhoffte sich mit der Debatte vom Mittwoch Abend in Las Vegas eine Renaissance für seine niedergehende Kandidatur zum US-Präsidenten. Unter der sachlich-nüchternen Leitung des Moderators Chris Wallace vermochte der Republikaner einige Punkte gegen die Demokratin Hillary Clinton zu landen. Doch dann machte er viel zunichte, als er sich weigerte, am Wahltag des 8. Novembers das Resultat auf jeden Fall zu akzeptieren.

Trumps Zweifel an der Legitimität des Wahlprozesses ist vor dem Hintergrund der 240-jährigen demokratischen Tradition in den USA unerhört. Sein Vorbehalt dominierte die Diskussionsrunden am Fernsehen und könnte die Debatte abschliessend definieren – zum grossen Schaden von Trump.

Vor der Debatte stellte 20 Minuten fünf Fragen, um die Leistung der zwei Kandidaten abschätzen zu können. Hier vorläufige Antworten:

1. Bei Sex-Vorwürfen half sich Trump nicht

Trump versäumte es, den Empfehlungen vieler ihm wohlgesinnter Experten zu folgen und Demut zu zeigen. Stattdessen bestand er darauf, dass sämtliche Anschuldigungen von Frauen, er habe sie sexuell bedrängt oder angegriffen, pure Erfindungen seien. Fälschlicherweise behauptete er, die Frauen nicht einmal zu kennen. Und dann unterstellte er ihnen, sie seien von der Clinton-Kampagne dafür bezahlt worden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Als wollte er die Zuschauerinnen noch mehr von sich abbringen, raunte er am Schluss gegen Clinton ins Mikrophon: «Such a nasty woman!» – so eine fiese Frau!

2. Bei anderen Themen mag er Frauen und Unentschiedene beeindruckt haben

Feministinnen können mit Trump natürlich nichts anfangen. Doch konservative Frauen – und die muss er für sich gewinnen – könnte seine Antwort in der Abtreibungsfrage beeindruckt haben. Trump sprach sich klar gegen Spätabtreibungen aus, während Clinton jede Einschränkung von Abtreibungen in jedem Stadium der Schwangerschaft ablehnt. Auch beim Thema der unerlaubten Einwanderung wirkte Trump relativ stark. In den Feldern der Wirtschafts- und Aussenpolitik konnte der Politnovize seinen Mangel an Sachkenntnis nicht verbergen. Hier hatte Clinton die besseren Momente.

3. Trump brachte die Enthüllungen der letzten Tage wirkungsvoll ein

Der Republikaner wählte nicht immer den optimalen Moment dafür. Doch er konnte einige der von Wikileaks und aus anderen Quellen stammenden Enthüllungen über Clintons Wahlkampfteam und die Clinton-Stiftung einbringen. Er erwähnte sogar den diese Woche in einem neuen Video erbrachten Nachweis dafür, dass manchmal Agitatoren im Auftrag der Demokraten bei Trump-Anlässen Gewalt säen. Clinton fand für die meisten der Trump-Vorwürfe keine überzeugenden Antworten.

4. Hillary brillierte mit Kenntnis und rhetorischer Präzision

Hillary Clinton erzielte in der Debatte eine gute Balance von Angriffigkeit und Defensive. Indem sie bei mehreren Sachthemen ganze Listen von politischen Punkten vortrug, bewies sie ihre grosse Erfahrung und gute Vorbereitung. Trumps Vorwurf, sie habe 30 Jahre lang nur geredet und nichts getan, gab sie ihm auf raffinierte Weise zurück: Sie verglich ihre politische Arbeit für bedürftige Menschen mit seinen privaten, vom Profitstreben bestimmten Geschäften. Am schlechtesten schnitt Clinton bei den Skandalvorwürfen ab. Gegen die behauptete Korruption in den Clinton-Stiftung zum Beispiel fiel ihr nur ein, deren karitative Programme aufzulisten.

5. Moderator Chris Wallace lieferte eine Bravourleistung

Im Unterschied zu den Moderatoren der früheren zwei Debatten hielt Wallace die Diskussion fast immer fest im Griff. Er brachte die Kandidaten dazu, ausgiebig über Sachthemen zu sprechen, anstatt sich gegenseitig nur Vorwürfe an den Kopf zu werfen. Wallace könnte mit seiner Leistung dem Ruf des von Skandalen erschütterten Senders Fox News genützt haben.

Unter dem Strich blieb als Eindruck haften: Die Bilanz zwischen Hillary Clinton und Donald Trump in der Debatte war ziemlich ausgeglichen mit einem möglichen leichten Vorteil für Trump. Doch Trumps Vorbehalt gegen die Fairness des amerikanischen Wahlsystems nannte ein Kommentator zu Recht «politischen Selbstmord». Dies wird die Diskussion tagelang dominieren und wahrscheinlich verhindern, dass die Debatte den Trend in den letzten zwei Wochen vor der Wahl massgeblich zu Gunsten Trumps beeinflusst.

Die Debatte in voller Länge:

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