Grossbritannien: Liz Truss muss nach nur 44 Tagen im Amt wieder gehen

Aktualisiert

GrossbritannienLiz Truss muss nach nur 44 Tagen im Amt wieder gehen

Nachdem Boris Johnson nach Rücktritten von über 50 Ministern im Juli den Hut nehmen musste, ist auch Liz Truss bereits nicht mehr Premierministerin von Grossbritannien.

von
Benedikt Hollenstein

Liz Truss gab ihren Rücktritt vor ihrem Amtssitz in London bekannt.

20min/noh

Darum gehts

Nach dem Abgang eines zweiten wichtigen Kabinettsmitglieds binnen einer Woche und einer chaotisch verlaufenen Abstimmung im Unterhaus, muss die britische Premierministerin Liz Truss ihren Posten nach nur 44 Tagen im Amt räumen. Am Donnerstag forderten weitere Abgeordnete ihrer eigenen Konservativen Partei ihren Rücktritt. Truss trat erst vor sechs Wochen die Nachfolge von Premier Boris Johnson an. In einer Rede vor der Downing Street 10 hat sie nun am Donnerstagnachmittag ihren Rücktritt bekanntgegeben. «Ich kann das Mandat, für das ich von den Tory-Mitgliedern gewählt wurde, nicht erfüllen, und trete darum zurück», so Truss.

In einem Gespräch mit Graham Brady, dem Vorsitzenden der Parlamentsgruppe der konservativen Partei Grossbritanniens, habe man sich auf eine Wahl für nächste Woche geeinigt. Bis dann wird Liz Truss im Amt bleiben.

«Räder von Clown-Wagen sind abgefallen»

Vor dem Rücktritt herrschten in der Regierung chaotische Zustände, sagte der konservative Abgeordnete Simon Hoare gegenüber BBC. Auch den Tories nahe stehende Zeitungen äusserten zuletzt scharfe Kritik. «Die Räder sind vom Clown-Wagen der Tories abgefallen», lautete eine der Schlagzeilen in der «Daily Mail».

So spielten sich beispielsweise am 20. September während und nach der Abstimmung zu Fracking von Schiefergas im Unterhaus chaotische Szenen ab. Die Party Whips der Konservativen, die für die Einhaltung der Fraktionsdisziplin zuständigen «Einpeitscher», sollen gar handgreiflich geworden sein, um passende Stimmen zu bekommen. Später herrschte Fassungslosigkeit über das chaotische Votum, bei dem Truss selbst es aus unbekannten Gründen versäumt hatte, ihre Stimme abzugeben, wie aus einer offiziellen Statistik hervorging.

1 / 6
Liz Truss muss ihren Posten als britische Premierministerin bereits wieder räumen.

Liz Truss muss ihren Posten als britische Premierministerin bereits wieder räumen.

AFP
Zuvor folgte sie auf Boris Johnson, der ebenfalls verfrüht gehen musste.

Zuvor folgte sie auf Boris Johnson, der ebenfalls verfrüht gehen musste.

AFP
Truss sah sich nur wenige Wochen nach Amtsantriff unter anderem wegen ihrer Finanzpolitik bereits heftiger Kritik ausgesetzt. Daraufhin gab der Schatzkanzler Kwasi Kwarteng seinen Rücktritt bekannt.

Truss sah sich nur wenige Wochen nach Amtsantriff unter anderem wegen ihrer Finanzpolitik bereits heftiger Kritik ausgesetzt. Daraufhin gab der Schatzkanzler Kwasi Kwarteng seinen Rücktritt bekannt.

REUTERS

Weggänge aus der Regierung

Die jüngsten Ereignisse folgten auf das Fiasko an den Finanzmärkten, das Truss und der jüngst von ihr gefeuerte Finanzminister Kwasi Kwarteng mit ihren Steuer- und Wirtschaftsplänen entfesselten. Er ist allerdings nicht der einzige, der seinen Posten schon vor Truss verlor – am 19. Oktober schied die Innenministerin Suella Braverman aus der Regierung aus. Ob der Schritt freiwillig geschah oder ob Braverman von Truss gefeuert wurde, war zunächst nicht klar.

Mit einer Amtszeit von 44 Tagen hat Truss einen zweifelhaften Rekord inne. Ihre Amtszeit als britische Premierministerin ist mit Abstand die kürzeste: Zuvor lag der Rekord bei 119 Tagen – im Gegensatz zu Truss wurde George Canning, der am 12. April 1827 zum britischen Premier gewählt wurde, nicht aus dem Amt gejagt, sondern verstarb am 8. August desselben Jahres.

Keine News mehr verpassen

Mit dem täglichen Update bleibst du über deine Lieblingsthemen informiert und verpasst keine News über das aktuelle Weltgeschehen mehr.
Erhalte das Wichtigste kurz und knapp täglich direkt in dein Postfach.

Deine Meinung

116 Kommentare