Aktualisiert 11.08.2009 16:43

Ehepaar entführtTschetschenische Menschenrechtler ermordet

In der russischen Kaukasusregion Tschetschenien ist schon wieder eine prominente Menschenrechtlerin entführt und erschossen worden. Sarema Sadulajewa wurde zusammen mit ihrem Mann im Kofferraum eines Autos in der Nähe der Hauptstadt Grosny tot aufgefunden. Die Leichen wiesen Schusswunden in Kopf und Brust auf.

Die Leiterin der russische Menschenrechtsorganisation «Lasst uns die Generation retten» und ihr Ehemann seien einen Tag nach ihrer Entführung tot aufgefunden worden, bestätigte Alexander Tscherkassow, ein Mitarbeiter der regierungsunabhängigen Organisation Memorial.

Aus Kreisen des tschetschenischen Innenministeriums hiess es, die beiden Entführten seien in Grosny mit Schusswunden im Kofferraum ihres Autos gefunden worden.

Erst Mitte Juli war die Menschenrechtsaktivistin Natalja Estemirowa in Grosny verschleppt und wenig später in Inguschetien ermordet aufgefunden worden. Die 50-Jährige arbeitete für Memorial.

Die Organisation «Lasst uns die Generation retten» setzt sich besonders für junge Menschen in Tschetschenien ein und will verhindern, dass Jugendliche von einer der bewaffneten Gruppen in der zu Russland gehörenden autonomen Republik rekrutiert werden.

Die nun ermordete Sadulajewa und ihr Mann waren nach Memorial- Angaben am Montagnachmittag von bewaffneten Männern aus dem Büro ihrer Organisation in Grosny verschleppt worden. Dann seien die mutmasslichen Täter in das Büro zurückgekommen und hätten ein Mobiltelefon und das Auto des Mannes mitgenommen.

Medwedew bestürzt

Der russische Präsident Dmitri Medwedew reagierte mit Bestürzung auf den Doppelmord und forderte eine Aufklärung des «scheusslichen Verbrechens».

»Leider ist das nicht das erste Verbrechen in Tschetschenien gegen diejenigen, die einfachen Menschen mit zivilisierten Methoden helfen, ihre Rechte wahrzunehmen und Gerechtigkeit zu erfahren», sagte ein Kremlsprecher nach Angaben der Agentur Interfax am Dienstag.

Medwedew habe die Generalstaatsanwaltschaft, das Innenministerium und den Geheimdienst mit den Ermittlungen beauftragt.

Die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa äusserte sich skeptisch über den Ausgang der Untersuchungen. Sie sei sich sicher, dass die Täter nicht gefunden würden, sagte sie der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. «In unserem Land können bewaffnete Menschen straffrei töten.» Laut Alexejewa waren Sadulajewa und ihr Mann beide etwa 25 Jahre alt. Demnach heiratete das Paar erst vor Kurzem.

Auch ander russische Menschenrechtler kritisierten das Versagen der kremltreuen Politiker im Nordkaukasus. Es fehle an Arbeitsplätzen, gerechten Löhnen, einer effektiven Verwaltung und Polizei sowie an unabhängiger Rechtsprechung. «Das fehlt dort alles. Und die letzten Fürsprecher des Volkes, die Menschenrechtler, werden systematisch vernichtet», sagte der Direktor des Moskauer Büros für Menschenrechte, Alexander Brod

Kadyrow: Zynisch und unmenschlich

Tschetscheniens pro-russischer Präsident Ramsan Kadyrow bezeichnete die Tat der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge als «zynisch» und «unmenschlich».

Menschenrechtsorganisationen werfen dem von Moskau gestützten Präsidenten vor, mit einer eigenen Miliz Entführungen zu planen und Gegner zu foltern. Nach dem Mord an der Memorial-Mitarbeiter Estemirowa im Juli hatte die Organisation Kadyrow für die Tat verantwortlich gemacht, was dieser zurückwies.

Journalist in Dagestan ermordet

In der muslimisch geprägten russischen Region Dagestan wurde unterdessen ein Journalist erschossen, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Malik Achmedilow sei mit einem Kopfschuss getötet worden. Nach Angaben eines Kollegen, der seinen Namen nicht nennen wollte, war Achmedilow Redaktor bei der awarischsprachigen Zeitung «Chakikat». Awarisch ist Verkehrssprache in der autonomen Region Dagestan im Kaukasus im südlichen Russland.

In Russland werden immer wieder Regierungskritiker und Journalisten eingeschüchtert, bedroht oder sogar getötet. Der wohl bekannteste Fall ist der Mord an der Journalistin und Kreml- Kritikerin Anna Politkowskaja im Jahr 2006. Die Ermordung Politkowskajas hatte international für Spekulationen gesorgt, die russischen Behörden könnten in den Fall verwickelt sein. (sda)

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