Tsunami-Warnungen in den Wind geschlagen
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Tsunami-Warnungen in den Wind geschlagen

Einen Tag nach der Tsunami-Katastrophe in Indonesien hat die Regierung eingeräumt, die Bevölkerung nicht rechtzeitig gewarnt zu haben. 45 Minuten vor dem Aufprall der Riesenwelle auf die Insel Java hat die Regierung zwei Tsunami-Warnungen erhalten, diese aber nicht weitergeleitet.

Diese Warnungen seien aber nicht veröffentlicht worden, weil die Regierung keine unnötige Panik habe auslösen wollen. Der Tsunami riss nach jüngsten Angaben mindestens 341 Menschen in den Tod, 229 wurden am Dienstag noch immer vermisst.

Vizepräsident Jusuf Kalla erklärte auf Anfrage von Journalisten, eine Warnung der Bevölkerung wäre überflüssig gewesen, weil viele Menschen nach dem Beben der Stärke 7,7 ohnehin aus Angst ins Landesinnere geflüchtet seien. Es habe daher «eine Art natürliches Frühwarnsystem» gegeben. Von mehreren Dutzend Menschen, die ein Reporter der Nachrichtenagentur AP am Dienstag befragte, erklärte jedoch nur einer, er habe leichte Erdstösse gefühlt. Ein Wissenschaftler sagte, die Experten hätten die Stärke des Seebebens zunächst unterschätzt.

Das Beben hatte zu einer zwei Meter hohen Flutwelle geführt, die Urlaubsorte und Fischerdörfer an einem rund 180 Kilometer langen Küstenabschnitt von Java zerstörte. Weite Teile der Region waren am Dienstag noch ohne Strom, und viele Strassen waren blockiert.

Mehr als 600 Menschen wurden verletzt. Im grössten Krankenhaus versorgten Ärzte und Helfer rund um die Uhr Patienten. Einige schliefen auf Matratzen auf dem Boden, andere wurden direkt in der Eingangshalle behandelt. Rund 42.000 Menschen waren nach der Flutwelle auf der Flucht, entweder weil ihre Häuser zerstört wurden oder weil sie einen weiteren Tsunami befürchteten.

Unter den Toten befand sich nach Behördenangaben ein Schwede, ein Pakistaner und ein Niederländer. Hinweise auf Schweizer Opfer gab es zunächst keine, wie ein Sprecher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf Anfrage sagte.

Der deutsche Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier sprach der indonesischen Regierung sein Mitgefühl aus. 18 Monate nach der verheerenden Flutwelle in Aceh und Nordsumatra verdeutliche diese Naturkatastrophe auf schmerzhafte Weise, welche Bedeutung dem Aufbau eines Tsunami-Frühwarnsystems zukomme, bei dessen Verwirklichung die deutsche und die indonesische Regierung eng zusammenarbeiteten, schrieb Steinmeier in einem Kondolenztelegramm an seinen Kollegen Hassan Wirajuda.

«Wie eine schwarze Wand»

Ein Augenzeuge berichtete, eine halbe Stunde vor dem Tsunami habe sich das Meer rund 500 Meter vom Strand zurückgezogen. «Ich konnte die Fische auf dem Meeresboden sehen», sagte er. Später sei die Welle gekommen «wie eine schwarze Wand». Andere Augenzeugen erklärten, bis zu fünf Wellen seien an die Küste gekracht und hätten Fischerboote 100 Meter weit auf das Festland gezogen. Die Inhaberin eines Strandkioskes sagte, die Flutwelle habe ihr ihren sechs Jahre alten Sohn aus den Armen gerissen. «Das Wasser war zu stark», sagte sie.

Von der Tsunami-Katastrophe an Weihnachten 2004 war Java verschont geblieben. Damals kamen allein auf Sumatra mehr als 130.000 Menschen ums Leben. Insgesamt wurden rund 216.000 Menschen getötet. (dapd)

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