Minarettverbot: Türkei fordert Toleranz – und verfolgt Christen
Aktualisiert

MinarettverbotTürkei fordert Toleranz – und verfolgt Christen

Türkische Politiker fordern einen Boykott gegen die Schweiz. Dies, obwohl die Christen in der Türkei seit Jahren verfolgt und ermordet werden.

von
Deborah Rast

«Wohlhabende Muslime aus ­aller Welt, zieht eure Vermögen aus der Schweiz ab und legt sie in der Türkei an», forderte gestern ausgerechnet der türkische Europaminister Egemen Bagis. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte die Schweiz bereits zuvor als rassistisch, faschistisch und islamophob bezeichnet.

Ein Schuss, der gerade bei der Türkei nach hinten losgehen könnte: Nicht nur, weil jedes Jahr rund 250 000 Schweizer Touristen ihre Ferien in der Türkei verbringen und dringend nötige Devisen ins Land bringen. Gerade Christen geniessen in der Türkei kaum ­Religionsfreiheit. Im Gegenteil: Sie werden gezielt verfolgt. «Kirchen werden zerstört, Klöster enteignet», weiss Ueli Haldimann von CSI-Schweiz (Christian Solidarity International). «Auf der Strasse werden Christen beschimpft und angegriffen. Manchmal kommt es sogar zu Morden. Die Täter von Übergriffen kommen in der Regel davon.» Türkische Christen, vor allem Aramäer und Armenier, dürften ihre Religion nicht offen leben, sprächen sie mit Muslimen über ihren Glauben, drohe ihnen Verfolgung. «Was die Türkei von uns erwartet, nämlich die Toleranz gegenüber anderen Religionen, hält sie selber nicht ein», so Haldimann. Die systematische Verfolgung zeigt Wirkung: Waren vor 100 Jahren noch über 20 Prozent der Türken christlich, sind es heute noch 0,2 Prozent. Der türkische Botschafter in der Schweiz wollte dazu keine Stellung nehmen.

Die Kehle aufgeschlitzt

Immer wieder kommt es in der Türkei zu Morden an Christen. 2006, nach dem Streit um die dänischen Karikaturen des Propheten Mohammed, ­wurde der katholische Priester Andrea Santoro (60) erschossen. 2007 ermordeten Jugendliche drei Missionare in der Stadt ­Malatya. Sie fesselten ihre Opfer und schnitten ihnen die Kehlen durch. Im gleichen Jahr wurde der Abt eines Klosters während zweier Tage entführt. Auch reli­giöse Institutionen waren schon das Ziel von Gewalt. Das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf der Insel Halki ist seit Jahren ­geschlossen. Das Kloster Mor Gabriel im Südosten des Landes muss seit Jahren einen Rechtsstreit um ­seine Existenz führen: Es soll enteignet werden.

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