Türken versprechen faires Verfahren für Marco W.
Aktualisiert

Türken versprechen faires Verfahren für Marco W.

Nach der Intervention von Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Türkei ein faires Verfahren für den in Antalya inhaftierten Schüler Marco W. angekündigt.

Hoffnungen auf eine baldige Freilassung dämpfte der türkische Staatsminister Ali Babacan allerdings mit Hinweis auf die Unabhängigkeit der Justiz. Der Jugendliche meldete sich derweil erstmals in einem Interview aus dem Gefängnis und beteuerte seine Unschuld. Binnen weniger Tage gingen 10.000 Euro Spenden für ihn und seine Familie ein.

Die Türkei werde alles tun, «damit der Jugendliche ein faires Verfahren bekommt», sagte Babacan nach einem Treffen mit Steinmeier in Brüssel. Die Staatsanwaltschaft in Antalya habe zugestanden, dass Marco W. «mit seiner Familie zusammenkommen kann». Die nächste Anhörung des 17-Jährigen sei für den 6. Juli geplant.

Steinmeier erklärte, er habe bei dem Treffen mit Babacan und einem Telefonat mit Aussenminister Abdullah Gül die türkischen Behörden darum gebeten «mitzuhelfen, dass eine Lösung gefunden wird, damit der Jugendliche baldmöglichst wieder bei seinen Eltern sein kann».

In einem Gespräch mit der türkischen Zeitung «Hürriyet», das in Auszügen auch in der «Bild»-Zeitung veröffentlicht wurde, sagte der sichtlich abgemagerte Schüler, er werde in der Haft nicht misshandelt und müsse nicht hungern. Die 13-jährige Charlotte forderte er auf, die Wahrheit zu sagen und die Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn zurückzuziehen.

Auf einem in der «Bild» abgedruckten Foto ist der Jugendliche zu sehen, wie er lächelnd neben einem «Hürriyet»-Reporter steht. Bisher hatte Marco nach Angaben seiner Eltern in den fast elf Wochen seiner Haft noch nicht einmal direkten Kontakt zu ihnen haben dürfen. Lediglich zehn Minuten pro Woche hatten sie ihn getrennt durch eine Glasscheibe sprechen dürfen.

Der deutsche Anwalt der Eltern, Jürgen Schmidt, sagte dazu der AP: «Jede Besserung für den Sohn freut mich.» Er könne nicht beurteilen, ob sich durch das massive öffentliche Interesse eventuell etwas positiv für Marco verändert habe. Zu dem türkischen Anwalt von Marco habe er noch keinen Kontakt, sagte Schmidt in Uelzen.

Der Spendenaufruf für die Unterstützung von Marco W. findet derweil regen Zuspruch. Rund 10.000 Euro sammelten seine Freunde bis Montagnachmittag, wie Koordinator Patrick Friede berichtete. Inzwischen haben sich nach seinen Angaben auch in anderen Städten Menschen bereit erklärt, für den Schüler zu sammeln, so in Berlin, Stuttgart und Cottbus.

Anwaltverein verweist auf Konvention des Europarats zur Überstellung

Der Deutsche Anwaltverein empfahl der Bundesregierung, daraufhin zu arbeiten, dass der Fall in die Zuständigkeit der deutschen Behörden übergeht, entweder sofort oder nach einem Urteil. Gemäss einer Konvention des Europarats könne ein bereits Verurteilter unter erleichterten Bedingungen zwecks Verbüssung der Strafe in sein Heimatland überstellt werden. Einen Rechtsanspruch darauf gebe es aber nicht, sagte Ulrich Sommer vom Anwaltverein der «Frankfurter Rundschau».

Der Trierer Strafrechtsprofessor Hans-Heiner Kühne äusserte sich zuversichtlich über eine schnelle Lösung des Falles. Zugleich warnte er im Deutschlandradio Kultur davor, der Türkei wegen der Verhaftung des Schülers mit Sanktionen bei den EU-Beitrittsverhandlungen zu drohen.

Der Fall des in der Türkei inhaftierten 17-jährigen Marco W. ist für eine Mehrheit der Deutschen ein Zeichen für eine mangelnde Europafähigkeit der Türkei. Bei einer am Dienstag veröffentlichten Emnid-Umfrage des Nachrichtensenders N24 äusserten 60 Prozent der 1.000 Befragten diese Auffassung. (dapd)

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