«Bildungsoffensive»: Türsteher sollen Kurse in Psychologie besuchen
Aktualisiert

«Bildungsoffensive»Türsteher sollen Kurse in Psychologie besuchen

Private Sicherheitsleute sollen Kurse in Psychologie oder erster Hilfe besuchen müssen, findet die Gewerkschaft Unia. Dem Branchenverband geht das zu weit.

von
N. Knüsel
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Viele haben schon schlechte Erfahrungen mit Türstehern gemacht.

Viele haben schon schlechte Erfahrungen mit Türstehern gemacht.

Keystone/Jean-Christophe Bott
Einer von ihnen ist der 20-jährige Elia (Name bekannt) aus Zürich. «Ein Türsteher dachte, ich sei im Club eingeschlafen. Obwohl ich ihm zu sagen versuchte, dass das nicht stimmte, schaltete er auf stur. «Ich sagte ihm, er solle weggehen, und es sei wohl mein gutes Recht, meine Augen kurz zu schliessen», so Elia. Darauf hätten ihn drei Sicherheitsleute aus dem Club geschleift.

Einer von ihnen ist der 20-jährige Elia (Name bekannt) aus Zürich. «Ein Türsteher dachte, ich sei im Club eingeschlafen. Obwohl ich ihm zu sagen versuchte, dass das nicht stimmte, schaltete er auf stur. «Ich sagte ihm, er solle weggehen, und es sei wohl mein gutes Recht, meine Augen kurz zu schliessen», so Elia. Darauf hätten ihn drei Sicherheitsleute aus dem Club geschleift.

zvg
Jetzt fordert die Gewerkschaft Unia eine «Bildungsoffensive» bei privaten Sicherheitskräften. Konkret will sie etwa einen Mindeststandard für die Basisausbildung. «Diese braucht ein klares Programm, unter anderem mit Kursen in Psychologie und erster Hilfe», so Unia-Sprecherin Leena Sprecherin Schmitter.

Jetzt fordert die Gewerkschaft Unia eine «Bildungsoffensive» bei privaten Sicherheitskräften. Konkret will sie etwa einen Mindeststandard für die Basisausbildung. «Diese braucht ein klares Programm, unter anderem mit Kursen in Psychologie und erster Hilfe», so Unia-Sprecherin Leena Sprecherin Schmitter.

Keystone/Gaetan Bally

Private Sicherheitsleute haben oft ein Rowdyimage. Der Grund sind Erfahrungen wie jene des 21-jährigen Nicola*: «Wir sassen zu dritt vor einem Club in Luzern und redeten. Der Security sagte uns, wir sollten flüstern. Wir hörten nicht wirklich auf ihn und verhielten uns in diesem Moment etwas provokant.»

Sie hätten in normaler Lautstärke weitergeredet, worauf der Türsteher auf die Gruppe zugekommen sei. «Er fragte: ‹Findest du das lustig?›», erzählt Nicola. Der Mann habe dabei seinen Arm hinter dem Rücken gehalten. «Als er direkt vor mir stand, sprayte er mir aus 15 Zentimetern Entfernung unvermittelt Pfefferspray ins Gesicht.» Nicola machte eine Anzeige bei der Polizei. Der Türsteher habe eine Busse von mehreren hundert Franken zahlen müssen.

Im Schwitzkasten nach draussen geschleift

Auch der 20-jährige Elia* aus Zürich wurde schon unsanft aus einem Club in Winterthur befördert. «Ich war ein wenig angeschwipst und setzte mich auf ein Sofa, um mich zu sammeln.» Als er kurz die Augen schloss, kam laut Elia sofort ein Security auf ihn zu. «Er dachte, ich hätte geschlafen, und sagte, ich müsse den Club verlassen. Obwohl ich ihm zu vermitteln versuchte, dass das nicht stimme und ich noch bei Verstand sei.» Dennoch habe der Türsteher auf stur geschaltet. «Ich sagte ihm, er solle weggehen, und es sei wohl mein gutes Recht, meine Augen kurz zu schliessen», so Elia.

«Der Security fackelte nicht lange und nahm mich in den Schwitzkasten», erzählt Elia weiter. «Ich bekam keine Luft, also befreite ich mich und wurde ebenfalls laut.» Sofort seien zwei weitere Türsteher dazugekommen. Sie hätten ihn im Schwitzkasten nach draussen geschleift. Konsequenzen habe der Vorfall keine gehabt.

Und erst Mitte August prügelten in Langenthal BE an einem Volksfest private Sicherheitsleute auf einen Asylbewerber ein, der sich renitent verhalten haben soll. Die Gewerkschaft Unia fordert nun wegen solcher Fälle eine «Bildungsoffensive» für Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen, damit sie in Konflikten cooler reagieren. Konkret will sie laut der Zeitschrift «Work» etwa einen Mindeststandard für die Basisausbildung. «Diese braucht mehr Zeit und ein klares Programm, unter anderem mit Kursen in Psychologie, erster Hilfe und Waffenrecht», so Unia-Sprecherin Leena Schmitter.

Auch Türsteher in der Pflicht

Das soll nicht nur für die grösseren Sicherheitsfirmen gelten. Auch Türsteher, die gemäss Schmitter meist direkt bei den Clubs oder Bars angestellt sind, sollen sich besser bilden: «Die Unia ist grundsätzlich für einen Ausbau der Ausbildung. Die Tätigkeit der Sicherheitskräfte – egal wo – verlangt vielfältige Fähigkeiten und ist nicht ungefährlich.»

In den Verhandlungen zum neuen Gesamtarbeitsvertrag, der am 1. Januar 2020 in Kraft tritt, hätten die Arbeitgeber aber die allermeisten ihrer Forderungen abgelehnt, klagt die Unia.

«Gut Ausgebildete kosten etwas»

Man solle nicht von jedem Vorfall sofort allgemeine Rückschlüsse ziehen, sagt dagegen Matthias Fluri. Er ist Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungsunternehmen (VSSU), zu dem der Grossteil der privaten Sicherheitsfirmen der Schweiz gehört. «Doch natürlich gibt es Fälle, in denen das Personal nicht so reagiert hat, wie wir uns das wünschen würden», sagt er. Das könne mit mangelhafter Ausbildung zusammenhängen.

«Wir haben grosses Interesse an einer guten Ausbildung des privaten Sicherheitspersonals», so Fluri weiter. Man biete seit Jahrzehnten einen Fachausweis an, und der Ausbildungskatalog sei erst kürzlich erweitert worden. Zudem habe der Verband Empfehlungen für die Basisausbildung auf seiner Website. Aber gut ausgebildete Leute kosteten auch etwas, sagt Fluri: «Leider kommt es bei Ausschreibungen – auch öffentlichen – vor, dass das Preisargument zu stark dominiert.»

Soll es eine Lehre geben?

Noch weiter würde L.A.* gehen, der seit 16 Jahren im Sicherheitsbereich arbeitet: «Von Türsteher über Einsatzleitung bis zu Personenschutz habe ich das meiste in dieser Branche schon einmal gemacht.» Er wünscht sich eine staatliche Ausbildung, am besten eine Berufslehre. «Derzeit setzt der VSSU sich selber die Standards, sie werden also von Privaten bestimmt.»

Die heute vorgeschriebene firmeninterne Basisausbildung von 20 Stunden sei sogar bei seriöser Ausführung das absolute Minimum, sagt der 37-Jährige: «Aber ich kann mir vorstellen, dass kleine Firmen das nicht machen.»

*Namen bekannt

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