Aktualisiert 30.06.2011 10:50

Soap-Massensterben

TV-Sender, die Serien-Mörder

Im «Marienhof» sind die Lichter aus. Und auch für «Hand aufs Herz» auf Sat1 ist Schluss mit lustig. Den seichten Vorabend-Soaps droht dasselbe Schicksal wie einst der Talkshow.

von
bbe

Während 18 Jahren beglückte uns die ARD mit 4053 Folgen «Marienhof». Plötzlich der Schock: Im Juni 2011 zog der Sender den Stecker. Über die gefälschte Köln-Kulisse in den Münchner Bavaria-Studios legte sich zum ersten Mal dunkle, schwere Nacht. Über 100 Mitarbeiter verloren ihren Job. Sie sind nicht allein.

Auch die Kollegen der Soap «Hand aufs Herz» – der deutschen Imitation der US-Erfolgssendung «Glee» – müssen bald schon stempeln gehen. Sat1 setzt die Daily-Soap nach nur einem Jahr ab. Im September läuft die letzte Folge. Davor mussten schon «Schmetterlinge im Bauch» und «Eine wie keine» dran glauben. Hat Sat1 ein schlechtes Händchen für erfolgreiche Soap-Formate? Schliesslich kriegt es RTL etwa mit «Gute Zeiten Schlechte Zeiten» oder «Unter uns» auch ganz gut hin. Dennoch scheint es, als leide die Soap-Welt ebenso am Übersättigungs-Virus wie einst die Talkshow-Branche.

Von 24 Talkshows auf eine

Noch vor ein paar Jahren wimmelte es nur so von mehr oder weniger authentischen Disput-Sendungen. Es herrschte Talkshow-Wildwuchs. ProSieben, RTL, ZDF und Sat1 sendeten nach Ilona Christen (RTL, 1993-1999) 24 verschiedene seichte Talk-Formate im Nachmittagsprogramm. Da machte sich Andreas Türck auf ProSieben von 1998 bis 2002 über seine Gäste lustig oder bei Sonja (1997-2001) diskutierten Experten über brisante Themen aus dem Alltag wie «Bei deinem Anblick wird mir schlecht» oder «Mein Busen macht die Welt verrückt».

23 Shows sind mittlerweile von der Bildfläche verschwunden. Nur «Britt – der Talk um eins» (Sat1) fasziniert noch heute mit spannenden Inhalten wie «Fettmagnet – An dir bleibt jede Pommes kleben», dem klassischen Lügendetektortest (vor allem für untreue Männer kurz vor der Hochzeit) oder Vaterschaftstests. Der Rest hat ausgeflimmert. Laut Quoten-Statistik hatte das Publikum irgendwann keine Lust mehr auf Hobby-Psychologie und Grabenkämpfe hinterm Gartenzaun. Sie zückten die rote Karte und die seichten Plauderstündchen mussten Doku-Soaps wie «Familien im Brennpunkt» oder «Mitten im Leben» – die suggerieren mehr Drama und mehr Echtheit. Nachmittag gerettet.

Was nun?

Doch auch von den Pseudo-Real-Formaten – und wahrscheinlich auch den zahlreichen Casting-Show-Formaten – hat auch der schmerzfreieste TV-Nutzer irgendwann die Nase voll. Dann muss etwas Neues her. Aber was? Mehr Blödel-Quizshows, in denen sich erwachsene Menschen zum Affen machen und für ihren Traum vom grossen Geld die Hosen runterlassen? Da wünscht man sich fast einen Retro-Trend: Denn – Hand aufs Herz – ein bisschen lustig ist es manchmal schon, wenn Britt um eins mit ihren Gästen brandheisse Eisen wie «Sexunfall – Das ist nicht mein Kind» aus dem Feuer holt.

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