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Kannibalismus«Typische Hirngespinste von Europäern»

Der in der Südsee vermisste deutsche Segler ist offensichtlich tot. Allerdings wurde er nach Ansicht der Behörden nicht von Kannibalen gefressen. Derartige Berichte seien absurd.

von
pbl
Strand im abgelegenen Hakaui-Tal auf Nuku Hiva: Wurde der deutsche Weltumsegler (kleines Bild) hier Opfer eines Gewaltverbrechens?

Strand im abgelegenen Hakaui-Tal auf Nuku Hiva: Wurde der deutsche Weltumsegler (kleines Bild) hier Opfer eines Gewaltverbrechens?

Der Weltumsegler Stefan R., der auf der Insel Nuku Hiva verschwunden ist, lebt nicht mehr. Dies teilte das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) gemäss Informationen des «Stern» seiner Familie mit. Diese vermeldete das Ableben auf der Website des 40-Jährigen. «Es gibt keine Hoffnung mehr», heisst es dort. Auch auf der Facebook-Seite von Stefan R. finden sich Abschiedsworte für den Segler, der seit drei Jahren mit seinem Katamaran unterwegs war.

Stefan R. war am Sonntag vor einer Woche auf Nuku Hiva mit dem einheimischen Jäger Henri H. zu einer Tour aufgebrochen. Seine 37-jährige Freundin Heike D. blieb zurück. Nach einiger Zeit kehrte der Jäger allein zurück und berichtete, Stefan R. sei verletzt und brauche dringend Hilfe. Als sie sich mit ihm auf den Weg gemacht habe, sei sie von Henri H. mit einer Waffe bedroht, sexuell belästigt und an einen Baum gebunden worden, erzählte die Freundin später. Schliesslich habe sie sich selbst befreit und die Behörden alarmiert.

Seit dem 19. Jahrhundert keine Menschenopfer mehr

Diese fanden bei einer frischen Feuerstelle Knochenreste, Zähne und Kleidung. Vieles deutete darauf hin, dass es sich um die Überreste des verschwundenen Seglers handelte, vor allem die Zahnelemente. Eine DNA-Probe wurde nach Frankreich geschickt, sie hat nun offensichtlich Klarheit gebracht. Gleichzeitig befeuerte der Fund die Phantasien: War Stefan R. Opfer von Kannibalismus geworden? Derartige Praktiken waren in Polynesien einst gang und gäbe. Schnell fanden sich in den internationalen Medien entsprechende Schlagzeilen.

In Französisch-Polynesien sorgten diese Berichte für Unmut. Der zuständige Staatsanwalt José Thorel bezeichnete sie als «absurd». Es gebe keine Hinweise auf Kannibalismus, sagte er in Papeete, der Hauptstadt des französischen Überseegebiets. Die in Polynesien lebende Anthropologin Marie-Noëlle Ottino-Garanger sprach von «typischen Hirngespinsten mancher Europäer». Diese seien eine Beleidigung für die lokale Bevölkerung. Auf den Marquesas-Inseln, zu denen Nuku Hiva gehört, gebe es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts keine Menschenopfer mehr.

Die Suche nach dem verschwundenen Jäger läuft gemäss lokalen Medien auf Hochtouren. 25 Ermittler seien im Einsatz, darunter besonders ausgebildete Spezialkräfte und ein Hundeführer. Der 31-Jährige sei möglicherweise gefährlich, sagte der leitende Ermittler.

Die Südsee-Insel Nuku Hiva

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