Aktualisiert 14.09.2016 06:54

Sharing Economy

«Uber und AirBnB machen uns egoistischer»

Wie Uber oder AirBnB unser Leben verändern, erklärt die Berliner Forscherin Luise Tremel im Interview mit 20 Minuten.

von
Isabel Strassheim
1 / 9
Transformationsforscherin Luise Tremel: Sie unterscheidet zwischen Sharing Economy und Sharing Culture.

Transformationsforscherin Luise Tremel: Sie unterscheidet zwischen Sharing Economy und Sharing Culture.

Jens Gyarmaty
Ein Beispiel für die Sharing Economy: Die Uber-App macht aus der Limousine ein Statussymbol für die Masse....

Ein Beispiel für die Sharing Economy: Die Uber-App macht aus der Limousine ein Statussymbol für die Masse....

Uber
... zugleich bedroht der freie Dienst die Jobs von Taxifahrern: Protest von Schweizer Taxifahrern gegen Uber im Februar 2016.

... zugleich bedroht der freie Dienst die Jobs von Taxifahrern: Protest von Schweizer Taxifahrern gegen Uber im Februar 2016.

Keystone/Lukas Lehmann

Macht die Sharing Economy mit AirBnb oder Uber aus uns soziale Menschen, die möglichst viel mit anderen teilen?

Es gibt zwei Arten beim Teilen: In der Sharing

Economy macht man aus den Dingen, die man hat, möglichst viel Geld, während man die Sachen der anderen günstig bekommen will. Sie macht uns egoistischer. Die Sharing Culture hingegen will gemeinsame Nutzung ohne Geld und zielt auf Ressourcensparen und den Kontakt zwischen Menschen.

AirBnb hat dann also nichts mit Tauschkultur zu tun?

Nein. Steht meine Wohnung oder mein Zimmer in den Ferien leer, biete ich es halt gegen Geld über AirBnB an. Dazu muss ich nicht herumfragen, wer jemanden kennt, der dort zu dieser Zeit übernachten möchte. Das macht alles die sehr gut programmierte Website.

Und in der Tauschkultur?

Da klebe ich zum Beispiel einen Sticker auf meinen Briefkasten, um meinen Nachbarn zu signalisieren, was ich uentgeltlich mit ihnen zu teilen bereit bin, mein Fahrrad oder meine Bohrmaschine. Und dabei müssen wir dann direkt miteinander ausmachen, wann und wie – und was passiert, wenn sie kaputtgehen. Dafür gibt es keine AGB, sondern ich muss es mit der Teilpartnerin persönlich verhandeln.

Durch AirBnb und andere Plattformen ist das Tauschen aber erst zum Hype geworden und hat sich rasant ausgebreitet.

Es ist jedoch einfach eine Art Discount-Dienstleistungssektor. Was entstanden ist, ist eine neue Art von ökonomischer Transaktion: Auf einmal werden Private zu Dienstleistern, aber ohne Arbeitsverträge. Es ist eine Grauzone für Anbieterinnen wie Nutzerinnen. Und es werden Lebensbereiche kommerzialisiert, die das vorher nicht waren.

Aber es geht dabei nicht mehr um Besitz.

Status ist schon länger nicht nur mit Besitz verbunden, sondern auch mit Konsum. Und die Sharing Economy verhilft uns zu noch günstigerem und schnellerem Konsum: Ich kann mir heute für ein Date einen Mercedes leihen und übermorgen einen Bugatti. Das einzelne Statussymbol wird viel günstiger, und deshalb werden diejenigen, die es nutzen können, zum Beispiel auch viel jünger. Ich muss nicht mehr über grosses Kapital verfügen. Dabei geht es noch immer um den Statuswert von Konsumobjekten, aber sie sind für viel mehr Menschen zugänglich.

Wo bleibt der besondere Status, wenn ihn sich alle leisten können?

Er verschiebt sich: Wenn einige früher damit angegeben haben, dass sie in Manhattan im Waldorf Astoria absteigen konnten, dann ist es heute eine Künstlerwohnung in einem In-Viertel wie Brooklyn per AirBnB. Es gibt weiterhin Statussymbole, die eine bestimmte Wirkung erzielen sollen, aber es sind andere geworden. Sie verleihen eher ein Gesamtflair, um den Einzelpreis geht es nicht mehr so stark.

Und wie verändert die Sharing Economy die Wirtschaft?

Sie beschleunigt den Trend, dass Arbeitsplätze für niedrig Qualifizierte rar werden. Statt für einfache Hotelangestellte, Taxifahrer oder Tramfahrerinnen gibt es nun informelle Verdienstmöglichkeiten ohne festen Lohn oder Sozialversicherung – zum Beispiel für Uber-Fahrer oder Menschen, die privat ihr Auto vermieten. Die einzigen, die wirklich profitieren, sind die Leute, die eh schon schöne Wohnungen oder Autos haben. Und die Programmierer bei den Plattformen.

Und die Sharing-Plattform-Betreiber sammeln die Daten der Nutzer.

Das ist in der ganzen Internetwirtschaft der Fall und ein riesiges

Pulverfass. Die Nutzer sind da sehr blauäugig. Ich sehe

aber keinen Unterschied, ob man die eigenen Daten

einem Hotelkonzern oder AirBnB gibt.

Die Sharing-Kultur kommt ohne Apps aus?

Es gib auch hier Internet-Plattformen, aber keine primär

kommerziellen. Vor allem läuft sie aber über direkte Kontakte von

Mensch zu Mensch.

Und das funktioniert?

Wenn ich ein Auto teilen will, ist es definitiv einfacher, ein kommerzielles Carsharing-Angebot zu nutzen als ein nachbarschaftliches. Es ist kompliziert, sich zur Schlüsselübergabe zu verabreden. Denn die Menschen müssen selbst miteinander in Kontakt treten. Und das braucht eine Ressource, die viele nicht unbedingt haben: Zeit.

Was ist denn der Vorteil der Tauschkultur?

Dass Menschen miteinander in Kontakt kommen und gemeinsam

Ressourcen schonen. Und dass die Nutzung auch Leuten offensteht, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Letztlich ist die

Tauschkultur aber keine verträumte soziale Praxis , sondern der Weg in eine neue Ökonomie: Die Sharing Culture ist auf der Suche nach praktikablen Tauschmodellen. Wir werden unseren Konsum wegen Klimawandel und Ressourcenverbrauch über kurz oder lang zurückfahren müssen, stattdessen braucht es dann erprobte Modelle für ein anderes Wirtschaften. Die müssen so gut funktionieren, dass sie auch Leute anziehen, die sonst nicht nur aus ideologischen Gründen mitmachen.

Stiftung Futurzwei und das Goethe-Institut das gemeinsame Projekt Futurperfect verantwortet: Eine internationale Sammlung von Geschichten über Menschen, die an einer anderen Welt arbeiten. Die 33-Jährige

Europa-Universität Flensburg zu den Dynamiken langfristiger gesellschaftlicher Veränderung.

www.futureperfectproject.org

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.