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Kältewelle in EuropaÜber 120 Menschen erfroren

Die sibirische Kälte hat Europa fest im Griff. Auf dem Kontinent sind bislang mindestens 120 Menschen erfroren - zwei davon in Deutschland. Dort werden nun ungewöhnliche Massnahmen gefordert.

von
meg

Die bitterkalten Temperaturen haben Europa fest im Griff. In der Schweiz fiel das Thermometer in der Nacht auf Donnerstag auf -26 Grad Celsius in Ulrichen im Wallis. Die schneebedeckten Fahrbahnen in weiten Teilen des Landes führten zu zahlreichen Unfällen. Auf dem Euroairport in Basel kam es zu zahlreichen Verspätungen, weil die Pisten vom Schnee geräumt werden mussten.

Der Temperatur-Tiefpunkt wird am Sonntag erwartet. Dann könnte das Thermometer auch im Flachland auf bis zu minus 18 Grad fallen, teilte MeteoNews mit.

Tödliche Nacht im Freien

Unterdessen stieg am Donnerstag wegen der anhaltenden Minusgrade die Zahl der Kältetoten in Europa auf über 120 an. Am Vortag waren es noch 79 Opfer gewesen. Berichten zufolge erhöhte sich die Zahl allein in der Ukraine um 20 Tote und in Polen um neun. Nach Angaben einer polnischen Regierungssprecherin handelte es sich bei den Toten vorwiegend um Obdachlose, die in ungeheizten Gebäuden Unterschlupf suchten. Bei Temperaturen von stellenweise minus 30 Grad Celsius wurden in den vergangenen sechs Tagen mehr als 900 Menschen wegen Erfrierungen und Unterkühlungen in Spitäler gebracht.

Auch in Deutschland sind zwei Menschen Opfer der eisigen Kälte geworden, unter ihnen ein Obdachloser. Der 55-Jährige wurde am Donnerstagmorgen leblos auf einer Bank liegend gefunden. In Österreich erfror eine 83-jährige Frau, die auf einem Spaziergang stürzte und nicht mehr aufstehen konnte, wie die Sicherheitsdirektion Niederösterreich berichtete. Wegen der anhaltenden Kälte plädierte der Sozialminister Nordrhein-Westfalens, Guntram Schneider (SPD), für unkonventionelle Hilfe für Obdachlose. In öffentlichen Einrichtungen, U-Bahnschächten oder im Eingangsbereich von Einkaufshäusern sollten die Wohnungslosen toleriert werden, auch wenn die Vorschriften dagegen sprächen, sagte der Minister in Düsseldorf. Bei den eisigen Temperaturen brauchten Menschen ohne Obdach besonderen Schutz und Solidarität der Gesellschaft.

Schiffsverkehr eingestellt

Wegen der zunehmenden Vereisung wird der Schiffsverkehr im norddeutschen Elbabschnitt ab Freitag eingestellt. Die Eisbedeckung des Flusses zwischen Dömitz (Mecklenburg-Vorpommern) und Geesthacht (Schleswig-Holstein) betrage mittlerweile mehr als 55 Prozent, nachdem zu Wochenbeginn noch völlige Eisfreiheit geherrscht habe, sagte eine Sprecherin des Wasser- und Schifffahrtsamtes Lauenburg. Acht der zehn auf dem Abschnitt verfügbaren Eisbrecher würden nach Hamburg verlegt, um dort den Hafen passierbar zu halten.

In Serbien stieg die Zahl der Kältetoten auf mindestens sechs. Zudem sind nach heftigen Schneefällen und Stürmen bis zu 11 000 Menschen von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Dorfbewohner in abgelegenen Bergregionen seien wegen vereister und verschneiter Strassen nicht zu erreichen, sagte ein Sprecher der Bereitschaftspolizei am Donnerstag. Etwa 6500 Haushalte seien betroffen. Es werde mit Hochdruck daran gearbeitet, die Strassen zu räumen, um die Bevölkerung zu versorgen. In den kommenden Tage würden weitere Schneestürme erwartet.

In Italien behinderten Eis und Schnee den Verkehr im Norden des Landes stark. Zwei Züge mit insgesamt 280 Insassen, die von Mailand aus in den Süden fahren sollten, blieben fast die ganze Nacht über bei Forli in der Romagna stecken.

Tödliches Schneeschaufeln

Auch in der Türkei behindern die seit Tagen andauernden Schneefälle immer mehr den Verkehr und die Energieversorgung. Allein auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul seien am Vortag 180 Flüge ausgefallen, berichteten türkische Medien am Donnerstag. In der Metropole sei fast ein halber Meter Schnee gefallen.

Doch auch in Asien macht die Kälte den Menschen zu schaffen. Japan etwa kämpft mit heftigen Schneefällen und eisigen Temperaturen. Nach Behördenangaben starben bislang 59 Menschen - bei allein 43 von ihnen handelte es sich um ältere Menschen, die beim Schneeräumen von den Dächern fielen. Da es in ländlichen Regionen oft an jungen Menschen fehlt, müssen viele Alte die harte Arbeit selbst verrichten. Die Meteorologische Behörde warnte vor weiteren schweren Schneefällen entlang der Japansee. Stellenweise türmte sich die weisse Pracht mehr als 4 Meter hoch.

Russland liefert weniger Gas

Inmitten der heftigen Kältewelle hat Russland seine Gaslieferungen an Europa nach Angaben von Abnehmern drastisch verringert. In Österreich kämen derzeit 30 Prozent weniger Erdgas an als sonst, teilte der Energiekonzern OMV am Donnerstag mit.

Italien warf Russland nach Angaben der Agentur Interfax vor, 20 Prozent weniger Gas geliefert zu haben. Ähnliche Anschuldigungen kamen auch aus Ungarn und Polen, wie die Moskauer Wirtschaftszeitung «Wedomosti» am Donnerstag schrieb. Slowakische Medien berichteten von einer Kürzung von 30 Prozent.

Der russische Staatskonzern Gazprom zeigte sich überrascht und wies die Anschuldigungen zurück. Man habe die Lieferungen im Gegenteil erhöht, sagte Gazprom-Vize Alexander Medwedew nach Konzernangaben.

Indirekt warf Medwedew dem Transitland Ukraine vor, wie in der Vergangenheit illegal Gas für den Eigenbedarf abzuzapfen. Der ukrainische Energieversorger Naftogas beteuerte hingegen, alle Transitverträge zu erfüllen.

Die Ex-Sowjetrepublik ist das wichtigste Transitland für russisches Gas in die EU. Die Ukraine hat wegen des strengen Winters derzeit einen Rekordverbrauch. (meg/sda/dapd)

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Januar: Zu mild und zu nass

Jetzt ist die Kälte da. Doch noch im Januar hatte darauf wenig hingedeutet: Dieser war im gesamten Land deutlich zu mild, wie MeteoSchweiz mitteilt. In Zürich beispielsweise registrierten die Messstationen eine Abweichung von 3,4 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel. Erst am 31. Januar ist am Flughafen Zürich der erste Eistag der Saison registriert worden. In Schaffhausen ist an keinem einzigen Tag des bisherigen Winters die Temperatur ganztags unter dem Gefrierpunkt geblieben - bis heute. Zudem war der Januar ausser im Tessin auch deutlich zu nass. In Chur fiel mehr als doppelt so viel Regen wie normal. (jam)

In Litauen gibts Gratis-Tee vom Staat

Wegen der klirrenden Kälte haben die Behörden der litauischen Hauptstadt Vilnius mit der Ausgabe von heissem Tee begonnen. Bei Tagestemperaturen von unter minus 20 Grad verteilen Fahrkartenkontrolleure an den meistfrequentierten Bushaltestellen dampfenden Tee in Pappbechern an wartende Fahrgäste.

«In diesen extrem kalten Tagen werden die Kontrolleure jedem Fahrgast ein klein wenig Wärme spenden, damit sie besser der Kälte trotzen können», sagte Bürgermeister Arturas Zuokas. Die insgesamt 63 Helfer haben nach Angaben der Stadtverwaltung vom Donnerstag bereits mehr als 440 Liter Tee ausgegeben. (sda)

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