Chinas Kinderpolitik: Über 300 Millionen Abtreibungen in 40 Jahren

Aktualisiert

Chinas KinderpolitikÜber 300 Millionen Abtreibungen in 40 Jahren

Seit der Einführung der Ein-Kind-Politik sind in China 330 Millionen Föten abgetrieben und knapp 200 Millionen Sterilisationen durchgeführt worden. Dem Land der Arbeiter gehen die Arbeiter aus.

von
rme

Ende der 1970er-Jahre führte China seine Ein-Kind-Politik ein. Nette Aufrufe, weniger Kinder in die Welt zu setzen, hatten nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Um das explodierende Bevölkerungswachstum einzudämmen, durfte fortan jedes Ehepaar nur noch ein Kind zur Welt bringen. Bloss einige ethnische Minderheiten und Bauernfamilien waren von der Regel ausgenommen und durften unter Umständen mehr Nachwuchs haben. Kürzlich hatte die Regierung laut Angaben der «Financial Times» die Schätzung geäussert, dass ohne die Ein-Kind-Politik die chinesische Bevölkerung von heute rund 1,3 Milliarden Menschen um etwa 30 Prozent grösser wäre. Eingeführt wurde die Massnahme einst vor dem Hintergrund von Hungersnöten. Man befürchtete, nicht die gesamte Bevölkerung ernähren zu können, wenn sie sich weiterhin so rasant vergrössern würde.

Der staatliche Eingriff in die Familienplanung brachte mehrere Probleme mit sich. So sind Knaben beliebter, weil sich die Eltern von ihnen mehr erwarten, wenn sie dereinst erwachsen sind und ihre Vorfahren miternähren müssen. Das hat dazu geführt, dass in China deutlich mehr männliche Personen leben als weibliche – im Rest der Welt gibt es mehr Frauen als Männer. Chinesen haben oft Mühe, eine Partnerin fürs Leben zu finden und vereinsamen. Ein weiteres Problem: Einzelkinder werden auch in China tendenziell stärker verhätschelt, als wenn die Aufmerksamkeit mit Geschwistern geteilt werden muss. Das Erlernen vieler sozialer Kompetenzen bleibt so auf der Strecke.

Zeigt das Ultraschallbild in China an, dass im Bauch der werdenden Mutter ein Mädchen entsteht, wird dieses oft abgetrieben. Wie oft, zeigen nun Zahlen des chinesischen Gesundheitsministeriums. Mehr als 330 Millionen Abtreibungen wurden offiziell seit 1971, als die Familienpolitik ein Thema wurde, durchgeführt.

Zwangsmassnahmen

Diese Zahl ist aber beileibe nicht nur aus dem Antrieb der vielen Eltern zustande gekommen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Abtreibungen auch zwangsweise durchgeführt wurden, wenn ein Paar bereits ein Kind hatte. So sind auch die Zahlen von Sterilisationen (196 Millionen seit 1971) und die Einsetzung von mechanischen Verhütungsmitteln bei Frauen (403 Millionen) zu erklären.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren diese Zwangseingriffe schon lange. China lässt das allerdings kalt. Seit den späten 1990er-Jahren, so der Bericht aus dem die «Financial Times» zitiert, bleiben die Zahlen mehr oder weniger konstant. Jährlich werden etwa 7 Millionen Schwangerschaften abgebrochen, werden etwa 2 Millionen Männer und Frauen sterilisiert, wird rund 7 Millionen Frauen ein mechanisches Verhütungsmittel eingesetzt.

Dem Land der Arbeiter gehen die Arbeiter aus

Eine weitere Auswirkung: Es gibt immer weniger Werktätige. China verkommt zu einem gigantischen Altersheim. Das schlägt sich auf die Wirtschaftsbilanz des Landes nieder. Es rücken weniger Konsumenten nach, die Güter kaufen und Dienstleistungen in Anspruch nehmen. «China hat somit das gleiche Problem wie die entwickelten Länder im Westen», sagt Ökonom Ken Peng von der Bank BNP Paribas, der die Daten der Behörde analysiert hat. «Das ist ein Nachteil für ein Industrieland wie China.»

Am soeben zu Ende gegangenen Parteikongress in Peking wurde möglicherweise ein erster Schritt zur Aufhebung der Ein-Kind-Politik beschlossen. Das Parlament beschloss, die zuständige Behörde in das Gesundheitsministerium zu integrieren.

Testweise Lockerungen

Einige Beobachter glauben, dass dieser Beschluss rascher dazu führen könnte, dass die Ein-Kind-Politik abgeschafft wird, als wenn es beim Status quo geblieben wäre. «Die Behörde wird so weniger zu sagen haben», prophezeit der chinesische Demograf He Yafu.

Bereits steht als mögliche Lockerung des Gesetzes die Möglichkeit im Raum, dass Paaren zwei Kinder erlaubt werden, sofern sowohl Vater wie Mutter Einzelkinder waren. Diese Regelung gilt heute probehalber schon in einigen Städten. Die Regelung ganz aufzuheben, wäre in den Augen des Chefs der Familienplanungs-Behörde glatter Unsinn. «Die Idee, das Problem der alternden Gesellschaft durch eine Steigerung der Geburtenrate zu entschärfen, ist, wie wenn man Gift trinken würde, um einen quälenden Durst zu stillen», sagte Yang Yuxue.

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