Welt in Aufruhr - Teil 2: «Über Gott reden, nicht über Demokratie»
Aktualisiert

Welt in Aufruhr - Teil 2«Über Gott reden, nicht über Demokratie»

Es sei höchste Zeit, dass Europa endlich über Religionskonflikte spreche anstatt nur über Demokratie und Menschenrechte, sagt der Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser.

von
Désirée Pomper

Herr Ganser*, mit dem Aufkommen radikaler islamistischer Terrorgruppen wie der IS, Boko Haram oder Al-Shabab, die Jagd auf religiöse Minderheiten machen, ist der Religionskonflikt wieder entflammt. In Europa aber, so scheint es, wird das Thema Religion tabuisiert.

Genau. Wir stellen die Frage nach Gott nicht. Wir reden lieber über Demokratie und Freiheit. Dschihadisten aber wollen über Gott sprechen! Das Problem ist, dass wir von unserer historischen Entwicklung her an einem anderen Punkt sind. Wir haben den Religionskrieg hinter uns. Darüber sind wir hinweg. Religionskriege sind in der Schweiz kein Thema mehr. Aber wir müssen uns dieser Diskussion dringend wieder stellen.

Wie spricht man mit einem Gotteskrieger?

Das ist in der Tat sehr schwierig. Mit Reden über Demokratie und Menschenrechte kommt man da nicht weit. Islamistische Fundamentalisten halten nichts von unserer Multikulti-Gesellschaft und glauben, dass wir uns damit selber zerstören. In Afghanistan warten die Extremisten nur darauf, dass die Westler verschwinden. Sie wollen keine Christen oder Atheisten im Land. Zwischen den Clans gilt die Blutrache. Ehre ist ihnen wichtiger als Stabilität und wirtschaftlicher Fortschritt. Auf keinen Fall ist es möglich, Afghanistan oder den Irak in ein Multikulti-Land zu verwandeln. Der Westen darf diese Länder nicht bombardieren. Das verursacht nur noch mehr Leid. Demokratischer Fortschritt kann nicht durch Gewaltinterventionen erzwungen werden.

Islamistische Terrorgruppen gehen unglaublich brutal gegen religiöse Minderheiten vor. Wie ist diese Aggressivität zu erklären?

Gotteskrieger zu sein scheint vielen mittellosen Jungen ohne Arbeit und Perspektiven attraktiv.

Solche Jugendliche gibt es auch in Südamerika oder Asien ?

Ja, aber es sind nicht nur Jugendliche. Gewalttätige junge Männer zwischen 15 und 35 gibt es überall auf der Welt, in allen Religionsgruppen. Sie greifen für Gott, Geld, Ehre oder Ruhm schnell zu den Waffen.

Warum ziehen Secondos aus dem Westen, denen es wirtschaftlich gut geht, in den Dschihad?

Auch ihnen scheint die Identität als Gotteskrieger interessanter. Sie geniessen unter ihresgleichen einen höheren Status wenn sie mit dem Panzer als Gotteskrieger durch den Irak fahren, als wenn sie in der Migros als Verkäufer arbeiten.

Als vor einigen Jahren Mohammed-Karikaturen veröffentlicht wurden, protestierten hunderttausende Muslime weltweit dagegen. Jetzt aber, wo radikale Islamisten im Namen Allahs Gräueltaten verüben, gibt es keine Strassenproteste von Muslimen, um diese Taten zu verurteilen. Warum nicht?

Ich weiss es nicht. Vielleicht steht ja mal einer auf und sagt, dass dieser gewaltvolle Weg der Falsche ist, das wäre mutig.

Der Religionskonflikt ist nicht nur zwischen Christen und Muslimen entflammt. In Europa nehmen antisemitische Übergriffe zu. Letzthin hörte ich im Coop, wie eine Gruppe junger Secondos lauthals die Vergasung aller Juden forderte. Antisemitismus scheint aufgrund des neu entflammten Israel-Palästina-Konflikts salonfähig geworden zu sein - auch unter Schweizern. Wohin führt das noch?

Doch, Hass ist gefährlich. Aber es ist auch falsch, wenn Israel in Gaza Schulkinder tötet. Es ist falsch, wenn die Hamas Bomben nach Israel schickt. Wir stecken leider in der Gewaltspirale. Aber man kann trotzdem nicht alle Juden und Muslime in die Täterrolle stecken. Wir müssen aufpassen, dass in unseren Köpfen nicht ein Religionskrieg entsteht und Antisemitismus, Anti-Islamismus oder eine Bewegung gegen Christen unsere Gesellschaft spaltet. Deshalb ist es wichtig, dass wir über Gott reden. Denn am Ende wollen wir doch alle das Gleiche: Ein schönes Leben, Arbeit und Liebe.

* ist Historiker und Friedensforscher spezialisert auf Energiefragen, Wirtschaftsgeschichte, Geostrategie und internationale Zeitgeschichte seit 1945. Er ist Gründer und Inhaber des (SIPER). Ganser unterrichtet an der Universität St. Gallen (HSG) und an der Universität Basel.

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