«Über mich hat Hitler gesiegt»
Aktualisiert

«Über mich hat Hitler gesiegt»

«Die schlimmste Katastrophe seines Lebens» sei der Verlust seines letzten Manuskripts gewesen, sagte Walter Mehring kurz vor seinem Tod 1981.

Denn mit diesem Roman wollte er, der «verbrannte Dichter», den Deutschen noch einmal beweisen, was für einen einzigartigen Autor sie nach dem Zweiten Weltkrieg links liegen gelassen hatten. Wie Mehring gerieten nach der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 zahllose Schriftsteller in völlige Vergessenheit. Nur wenige wie Erich Kästner oder Thomas Mann konnten an frühere Erfolge anknüpfen.

Zum Beispiel Leonhard Frank: Er gehörte in der Weimarer Zeit zu den meistgedruckten und bestbezahlten Schriftstellern Deutschlands. Auch sein Werk wurde verbrannt, Frank verbrachte die NS-Zeit im Exil. Als er 1950 in die Bundesrepublik zurückkehrte, fragte er in einer Buchhandlung nach seinen Büchern: Sie waren nicht vorrätig, und der Buchhändler hatte noch nie etwas von Frank gehört. «Die Deutschen bis zu 40 Jahren kennen meinen Namen nicht mehr», resümierte Frank bitter: «Ich kann sagen: Über mich hat Hitler gesiegt.»

Heute sind Franks Bücher zum Teil wieder erhältlich, wie auch die von Irmgard Keun (»Das kunstseidene Mädchen») oder die von Alexander Moritz Frey. Dessen Antikriegsroman «Die Pflasterkästen» (1929) hatte viel Aufsehen erregt und wurde mit Erich Maria Remarques Buch «Im Westen nichts Neues» verglichen. Frey flüchtete 1938 in die Schweiz, wo ihm zeitweise ein Schreibverbot auferlegt wurde. Isoliert und verarmt starb er 1957 in Zürich.

Andere «verbrannte Dichter» sind völlig in Vergessenheit geraten. Wer erinnert sich heute schon an Namen wie Franz Hessel, Max Herrmann-Neisse oder Jakob van Hoddis, dessen Gedicht «Weltende» als richtungweisend für den deutschen Expressionismus gilt? Oder Armin T. Wegner, der zunächst in Berlin lebte und später in Italien: Nach dem Krieg konnte der frühere Bestsellerautor nicht mehr schreiben - das Erlebte hatte ihm die Sprache verschlagen.

Der literarische Nachlass von Hermynia Zur Mühlen - eine österreichische Schriftstellerin - landete nach ihrem Tod 1951 in England vermutlich auf der Müllhalde. Der jüdische Philosoph und Autor Salomo «Mynona» Friedländer starb 1946 völlig entkräftet in Paris: Er war bereits 62 Jahre alt, als er 1933 vor den Nazis flüchten musste. Versteckt im Arbeiterviertel Ménilmontant überlebte er die deutsche Besetzung der französischen Hauptstadt. Immerhin ging sein Werk nicht verloren; der Publizist Hartmut Geerken hat mehrere Bücher neu herausgegeben.

Renaissance mancher Autoren nach «Stern»-Serie 1976

Dass manche Autoren eine Art Renaissance erlebten, ist auch Jürgen Serke zu verdanken: Der Publizist und Autor veröffentlichte 1977 - auf der Grundlage einer Serie im Magazin «Stern» - ein Buch über «Die verbrannten Dichter» (Beltz & Gelberg), das bis heute zu den Standardwerken zählt. «Die Bücherverbrennung wirkte über den Zusammenbruch des 'Dritten Reiches' hinaus», erklärte Serke. «Was in den 20er Jahren gedichtet wurde, blieb weitgehend vergessen bis zum heutigen Tag...So rigoros hat sich kein Volk von einer ganzen Literatur-Epoche trennen lassen...»

(Jürgen Serke u.a.: «Himmel und Hölle zwischen 1918 bis 1989: Die verbrannten Dichter»; Verlag Damm und Lindlar; Armin Strohmeyer: «Verlorene Generation», Atrium Verlag; Edda Ziegler: «Die verbrannten Dichterinnen», Artemis & Winkler; Volker Weidermann: «Das Buch der verbrannten Bücher», Kiepenheuer & Witsch) (dapd)

Deine Meinung