Überbuchte Flugzeuge: 250 000 Betroffene in Europa
Aktualisiert

Überbuchte Flugzeuge: 250 000 Betroffene in Europa

Immer wieder ärgern sich Reisende über überbuchte Flugzeuge. Wieviele Schweizer Passagiere davon betroffen sind, ist ein gut gehütetes Geheimnis.

Weder das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) noch die einzelnen Flughäfen sind in der Lage, Zahlen zu diesem Problem zu nennen. Ohnehin ist es legal, mehr Flugbillette zu verkaufen als Sitze in einem Flugzeug zur Verfügung stehen.

«Wir haben keinen Zugang zu solchen Informationen. Das wird uns verwehrt», sagt Philippe Roy, Sprecher des Flughafens Genf-Cointrin auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Die Fluggesellschaften sind diesbezüglich sehr diskret: Die Swiss will denn auch «keine Details nennen».

Die Praxis basiert auf ausgeklügelten Statistiken, die über mehrere Jahre erhoben wurden, erklärt Swiss-Sprecher Jean-Claude Donzel. Mit dem Vorgehen, mehr Tickets als Sitze zu verkaufen, werde dem Kundenverhalten Rechnung getragen, aber auch einem bestimmten Zeitraum - Ferien- oder Arbeitszeit - sowie dem Passagierprofil eines Flugs.

Eine Frage der Rentabilität

Das Problem des «Overbooking» sei im Kontext wirtschaflicher und ökologischer Notwendigkeiten zu sehen, sagt Nicolas Oetterli, Ombudsman der Reisebranche: Zahlreiche Passagiere neigten dazu, ihre Reservationen sehr spät oder sogar überhaupt nicht zu annullieren. Davon seien einzelne Fluglinien besonders betroffen.

Dieses Phänomen bereitet den Airlines viel Kopfzerbrechen. Ihre Bemühungen um Rentabilität erfordern, dass sie das Maximum herausholen. Daher sind sie dazu übergegangen, Sitze gleich mehrfach zu verkaufen.

Nicht schutzlos ausgeliefert

Die Kundschaft ist diesen Methoden der Fluggesellschaften aber nicht schutzlos ausgeliefert. Die EU kennt bereits seit 1991 ein detailliertes Reglement, das auch in der Schweiz Gültigkeit hat. Bis kommenden Februar sollen die bestehenden Regeln durch eine Passagier-freundlichere Version ersetzt werden.

Die Leute sind auch immer besser über die Entschädigungen informiert, die sie geltend machen können, sagt Oetterli. Aus diesem Grund rangiere das Problem überbuchter Flugzeuge ziemlich weit unten auf der Liste der Streitfälle, bei denen der Ombudsman der Reisebranche zum Vermitteln eingeschaltet werde.

Die Fluggesellschaften zahlen

Gegenwärtig erhält ein Passagier, der weniger als 3500 Kilometer weit fliegt, eine Entschädigung von 75 Euro (115 Franken), falls er wegen einer überbuchten Maschine bis zu zwei Stunden zu spät an seinem Reiseziel ankommt. Übersteigt die Verspätung zwei Stunden, wird der Reisende mit 150 Euro entschädigt.

Auf Langstreckenflügen beträgt die Entschädigung 150 Euro für Verspätungen bis zwei Stunden und 300 Euro für Verspätungen von über zwei Stunden. Diese Ansätze gelten auf der ganzen Welt; davon ausgenommen sind einzig Abflüge in den USA und Kanada.

In den USA und Kanada werden die Airlines bei Überbuchungen stärker zur Kasse gebeten: Für Verspätungen von bis zu vier Stunden zahlen sie 200 Dollar (256 Franken), längere Verspätungen werden mit 400 Dollar entschädigt.

Auch die Verpflegung gehört dazu

Die Entschädigungszahlungen stellen das vom europäischen Recht vorgeschriebene Minimum dar, an das sich sämtliche Gesellschaften halten müssen. Das gegenwärtige Reglement sieht überdies vor, dass die betroffenen Passagiere auf Kosten der Airlines beherbergt und verpflegt werden müssen.

Zur Verhinderung von Exzessen hat die Europäische Union vergangenen Herbst entschieden, die Entschädigungen deutlich zu erhöhen. Die Luftfahrtgesellschaften haben die Debatten in der EU mit einem intensiven Lobbying begleitet.

Höhere Entschädigungen in Aussicht

Neu wird der Satz bei Flügen von unter 1500 Kilometern 250 Euro betragen. Bei überbuchten Maschinen auf Strecken von 1500 bis 3500 Kilometern werden Reisende, die nicht an Bord gelassen werden, künftig ein Anrecht auf 400 Euro haben. Bei längeren Flügen wird der Betrag auf 600 Euro steigen.

Die Schweiz muss diese Vorgaben der EU grundsätzlich auch umsetzen. Bisher sie aber noch nichts beschlossen worden, sagt BAZL- Sprecherin Célestine Perissinotto. Das Thema werde im November oder Dezember anlässlichs eines Treffens von schweizerischen und europäischen Experten zur Sprache kommen.

(sda)

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