Mail aus Rio: Überfordert von der Lebensfreude
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Mail aus RioÜberfordert von der Lebensfreude

In regelmässigen Abständen erreicht uns elektronische Post von unseren Reportern aus Rio. Kai Müller über das Lächeln des brasilianischen Volkes.

Ein brasilianischer Volunteer lächelt in die Kamera.

Ein brasilianischer Volunteer lächelt in die Kamera.

Keystone/Bernd Thissen

Mundwinkel nach oben, Zähne zeigen, kurz: lächeln. Sie können das einfach besser als wir Schweizer, die Brasilianer. Ob Hotelangestellte, Volunteers, Busfahrer, Kellner – alle lächeln sie. Das kann einen in den ersten Tagen ziemlich überfordern und zu Selbstzweifeln führen: Lachen die mich aus? Bin ich komisch angezogen? Habe ich Essensreste zwischen den Zähnen? Mitnichten. Es nennt sich Freundlichkeit, Lebensfreude, Offenheit, was einem hier entgegenschlägt.

Ein ganz besonders extrovertierter Helfer setzte am Freitag, dem Tag der Eröffnungsfeier, zur grossen Ein-Mann-Show an. Als Hunderte Journalisten vor dem Medienzentrum im Olympiapark in Barra zu den Bussen strömten, die sie ins Maracanã bringen sollten, deckte er sie mit einer gehörigen Portion guter Laune ein, tanzend, plaudernd, singend, klatschend. Dazu: Dauergrinsen.

Ausnahmen bestätigen die Regel

Allerdings gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel, wenn der Bancomat im Medienzentrum aufgefüllt und dieses Prozedere von einem halben Dutzend schwer bewaffneter Sicherheitskräfte bewacht wird. Kommt man ihnen zu nahe, blickt einem ziemlich schnell der Lauf eines Sturmgewehrs entgegen. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass sich die Grundstellung meiner Mundwinkel seit der Ankunft in Rio um ein paar Millimeter nach oben verschoben hat. Wie das wohl in zwei Wochen sein wird? Und was, wenn ich, zurück in Zürich, erstmals wieder im Tram sitze? Ich kann die verwirrten, verständnislosen Blicke schon fast spüren. (20 Minuten)

Kai Müller ist Sportredaktor und berichtet für 20 Minuten von den Olympischen Spielen aus Rio.

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