Designerkraftstoff: Überlebt der Benzinmotor dank Sprit aus Stroh?
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DesignerkraftstoffÜberlebt der Benzinmotor dank Sprit aus Stroh?

Biotreibstoff könnte sich zu einem Milliardenmarkt entwickeln. Tankstellen und Motoren blieben so brauchbar. Andere sehen die Zukunft im Elektroantrieb.

von
pam
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Künftig soll in der EU der Biotreibstoff nur noch aus Stroh hergestellt werden. Bisher war es erlaubt, etwa Biodiesel auch aus Nahrungsmitteln wie Raps oder Mais zu gewinnen. Der synthetische Treibstoff aus Stroh wird auch als Designertreibstoff bezeichnet.

Künftig soll in der EU der Biotreibstoff nur noch aus Stroh hergestellt werden. Bisher war es erlaubt, etwa Biodiesel auch aus Nahrungsmitteln wie Raps oder Mais zu gewinnen. Der synthetische Treibstoff aus Stroh wird auch als Designertreibstoff bezeichnet.

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Davon könnten auch Schweizer Firmen profitieren: Der Basler Chemiekonzern Clariant betreibt seit 2012 eine Pilotanlage im bayrischen Straubing und erklärt, dass der Markteintritt des Stroh-Sprits demnächst bevorstehe.

Davon könnten auch Schweizer Firmen profitieren: Der Basler Chemiekonzern Clariant betreibt seit 2012 eine Pilotanlage im bayrischen Straubing und erklärt, dass der Markteintritt des Stroh-Sprits demnächst bevorstehe.

Keystone/Christian Beutler
In den «Energieperspektiven der Schweiz bis 2050» rechnet der Bund dem Stroh-Sprit grosses Potenzial aus: Um die Treibhausgasemissionen gemäss dem UN-Klimaziel bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren, soll flüssiger Biotreibstoff einen Marktanteil von 21,8 Prozent erreichen.

In den «Energieperspektiven der Schweiz bis 2050» rechnet der Bund dem Stroh-Sprit grosses Potenzial aus: Um die Treibhausgasemissionen gemäss dem UN-Klimaziel bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren, soll flüssiger Biotreibstoff einen Marktanteil von 21,8 Prozent erreichen.

Keystone/Jean-christophe Bott

Sprit aus Stroh statt Diesel aus Raps: Künftig sollen Biotreibstoffe in der EU nicht mehr aus Lebensmitteln wie Raps oder Soja, sondern aus Ernteabfällen hergestellt werden. Treibstoff aus Pflanzen, die auch als Nahrungsmittel dienen könnten, werden damit verboten. Die synthetisch hergestellte Alternative beispielsweise aus Stroh, auch Designerkraftstoff genannt, soll laut EU bis 2020 einen Anteil von 0,5 Prozent erreichen, was einem Marktvolumen von rund zwei Milliarden Franken entspricht.

Davon könnten auch Schweizer Firmen profitieren: Der Basler Chemiekonzern Clariant betreibt seit 2012 eine Pilotanlage im bayrischen Straubing und erklärt, dass der Markteintritt des Stroh-Sprits demnächst bevorstehe: «Der nächste Schritt ist der Einstieg in die industrielle Fertigung», sagte Markus Rarbach, Leiter Biokraftstoffe und Derivate bei Clariant, zur «Handelszeitung».

Anreiz für synthetischen Sprit steigt

Auch in der Schweiz, wo die Hersteller nie auf Nahrungsmittel zur Biotreibstoffproduktion zurückgegriffen haben, steigt der Anreiz, auf synthetischen Sprit zu setzen. Denn mit dem CO2-Gesetz sind die Importeure von Treibstoffen verpflichtet, die Verkehrsemissionen im Inland zu kompensieren. Bis 2020 steigt die Kompensationsleistung auf zehn Prozent an.

Dieses Ziel können etwa Tankstellenbetreiber erreichen, indem sie dem herkömmlichen Benzin oder Diesel Bioethanol beimischen, das zudem steuerbefreit ist.Ihr Anteil am Treibstoffabsatz ist jedoch noch gering: 2015 erreichten Biotreibstoffe einen Marktanteil von 1,2 Prozent.

In den «Energieperspektiven der Schweiz bis 2050» rechnet das Bundesamt für Energie der Technologie jedoch weit grösseres Potenzial aus: Um die Treibhausgasemissionen gemäss dem UN-Klimaziel bis 2030 um die Hälfte zu reduzieren, soll flüssiger Biotreibstoff einen Marktanteil von 21,8 Prozent erreichen.

Bioethanol aus Stroh verursacht 90 Prozent weniger CO2 als Benzin

Der Verband Biotreibstoffe Schweiz bezeichnet daher synthetische Treibstoffe als «Hoffnungsträger der Zukunft», weil die Technologie des Verbrennungsmotors und die Tankstellen-Logistik weiterhin nutzbar bleiben. Auch die Ökobilanz der neuen Biotreibstoffe fällt gut aus: Bioethanol aus Strohresten verursacht im Vergleich zu herkömmlichem Benzin 90 Prozent weniger CO2.

Ulrich Frei, Geschäftsführer des Verbands BioFuels Schweiz, sagt: «Auf den Feldern verrotten heute Ernteabfälle wie Stroh, diese Energiequelle sollten wir nutzen.» Frei verweist aber darauf, dass die Schweiz zu klein sei, um substanzielle Mengen Biotreibstoff aus Stroh oder Holz herzustellen.

«Da braucht es Fabriken, die grosse Mengen verarbeiten können», sagt Frei. Darum mache es für die Schweiz mehr Sinn, wenn man den Biotreibstoff importiere. «Wie das Beispiel Clariant zeigt, können Schweizer Firmen hier aber durch Technologieexport vom Boom der synthetischen Treibstoffe profitieren.»

Braucht es in Zeiten der Elektroautos noch Biotreibstoffe?

Trotzdem glaubt Krispin Romang von Swiss eMobility nicht an die Marktfähigkeit der neuen Generation von Biotreibstoffen. «Die Milliardeninvestitionen der Autoindustrie in Elektroantriebe zeigen, dass der ineffiziente Verbrennungsmotor keine Zukunft hat.» Denn solange die grossen Autokonzerne ihre Forschungsgelder wie bisher in Elektroautos anlegten, sei es kaum möglich, dass eine Technologie wie synthetische Biotreibstoffe sich jemals am Markt durchsetzen werde.

Hier widerspricht Ulrich Frei von BioFuels Schweiz: «Die riesigen Erwartungen an Elektroautos sind ein überzogener Hype.» Deshalb brauche es weiterhin ökologische Technologien wie Biotreibstoffe, die mit der bestehenden Motorentechnologie funktionieren, zu prüfen. Er ist überzeugt: «Elektroautos werden noch für grosse Ernüchterung sorgen.» Dies sei deshalb der Fall, weil etwa die Rohstoffe wie Lithium für die Batterien häufig aus Konfliktregionen stammen würden und die Ökobilanz insgesamt nicht so sauber ausfalle, wie viele vermuten – etwa wenn der Strom für den Autobetrieb aus Kohlekraft stamme.

So wird aus Stroh Biotreibstoff

Um aus Pflanzenresten wie Stroh Bioethanol zu gewinnen, müssen zuerst aus die Strukturbestandteile der Pflanzenreste (Cellulose) in verschiedene Zuckerarten aufgespalten werden. Dies passiert mithilfe von Säuren und verschiedenen Enzymen. Danach vergärt das Gemisch durch Hefen zu Ethanol, wird gereinigt und destilliert. Für eine Tonne Bioethanol sind vier bis fünf Tonnen Stroh nötig. Damit könne ein Fahrzeug rund 15'000 Kilometer zurücklegen. (pam)

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