Ausländerhasser und Linksextreme: «Überraschend viele sind rechtsextrem»
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Ausländerhasser und Linksextreme«Überraschend viele sind rechtsextrem»

Dirk Baier hat untersucht, wie viele Jugendliche extremistisch eingestellt sind. Er erklärt, wieso diese Positionen Anklang finden.

von
Stefan Ehrbar
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Etwa 6 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind rechtsextrem, etwa 7 Prozent linksextrem. Das zeigt eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Etwa 6 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind rechtsextrem, etwa 7 Prozent linksextrem. Das zeigt eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Keystone/Lukas Lehmann
Laut Studienautor Dirk Baier sind diese Zahlen zwar hoch, aber nicht erschreckend. Die Studie zeigt: Je höher die Bildung ist, desto weniger empfänglich sind die Jugendlichen für Extremismus.

Laut Studienautor Dirk Baier sind diese Zahlen zwar hoch, aber nicht erschreckend. Die Studie zeigt: Je höher die Bildung ist, desto weniger empfänglich sind die Jugendlichen für Extremismus.

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Etwa 25 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind fremdenfeindlich, etwa 20 Prozent nationalistisch. Über 40 Prozent lehnen den Kapitalismus ab.

Etwa 25 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind fremdenfeindlich, etwa 20 Prozent nationalistisch. Über 40 Prozent lehnen den Kapitalismus ab.

Keystone/Melanie Duchene

In der Schweiz gelten knapp 6 Prozent der Jugendlichen als rechtsextrem und 7 Prozent als linksextrem. Das belegt eine neue Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Mitautor Dirk Baier erklärt, welche Resultate ihn überraschten und wie Extremismus bekämpft werden kann.

Herr Baier, wann bezeichnen Sie Jugendliche als links- oder rechtsextrem?

Als rechts- oder linksextrem gilt, wer der Ideologie zustimmt und die Anwendung von Gewalt befürwortet. Die Ideologie hinter dem Rechtsextremismus ist beispielsweise weit verbreitet, da 25 Prozent der Jugendlichen ausländerfeindlich und 20 Prozent nationalistisch sind. Als rechtsextrem gelten aber viel weniger.

Haben Sie die Resultate Ihrer Studie überrascht?

In Bezug auf den Rechtsextremismus war ich schon etwas erstaunt. Er ist in der Schweiz kaum sichtbar. Trotzdem sind knapp 6 Prozent der Jugendlichen rechtsextrem. Das sind überraschend viele. Dass der Anteil des Linksextremismus noch etwas höher ist, erstaunt mich hingegen nicht.

Wieso ist das so?

Rechtsextremismus ist mit einer stark menschenfeindlichen Ideologie verknüpft. Der Linksextremismus transportiert hingegen Ideen, mit denen viele sympathisieren – etwa eine Ablehnung des Profitdenkens oder von Grosskonzernen.

Ist Linksextremismus also harmloser?

Nein, auch Linksextreme haben ein Feindbild, das sie mit Gewalt bekämpfen. Dazu gehört etwa die Polizei. Ich bin mir nicht sicher, ob in Bezug auf Linksextremismus in Vergangenheit genug repressive Massnahmen ergriffen wurden.

Wirken repressive Massnahmen überhaupt?

Durchaus. Es kann abschreckend wirken, wenn Gewalttäter schneller der Strafverfolgung zugeführt werden und sich eine Szene nicht ausbreiten kann.

Vor allem aber wirkt Bildung.

Das ist tatsächlich so: Je höher die Schulbildung, desto weniger Sympathien hegen Jugendliche für den Links- oder Rechtsextremismus.

Gibt es weitere Faktoren?

Auf dem Land ist die Chance grösser, rechtsextrem zu denken. In Städten ist die Affinität zum Linksextremismus höher. Es gibt aber schon auf regionaler Ebene grosse Unterschiede, was die Verbreitung extremer Ideologien betrifft. Schon einzelne Personen können für die Ausbreitung einer Szene in der Region massgebend sein und den Extremismus befeuern.

Männer hegen deutlich mehr Sympathien für extreme Ideologien als Frauen. Wieso?

Männer befürworten physische Gewalt stärker. Auch die Ausländer- und Muslimfeindlichkeit ist unter Männern generell höher. Männer sind empfänglicher für Aggressivität und die Abwertung anderer. Gerade junge Männer haben deutlich weniger Einfühlungsvermögen als die gleichaltrigen Frauen.

Sind Schweizer Jugendliche extremer geworden?

Das ist schwierig zu sagen, weil es keine vergleichbaren Zahlen von früher gibt. Zu Rechtsextremismus wurden vor einigen Jahren ähnlich hohe Werte gefunden. Im Vergleich zu Studien aus Deutschland haben Schweizer Jugendliche zudem ähnlich hohe Werte bei menschenfeindlichen Einstellungen.

Sind die Jugendlichen denn tatsächlich extrem, oder wollen sie vor allem provozieren?

Die Zustimmung zu extremistischen Standpunkten ist teils auch Ausdruck einer Provokation gegenüber der Gesellschaft. Die Positionen sind auch nicht so gefestigt, dass daraus Gewalttaten entstehen. Mit unserer Studie kann jetzt niemand mehr sagen, dass Extremismus kein Problem sei. Die Werte sind aber auch nicht erschreckend hoch. Die betroffenen Jugendlichen gilt es zu erreichen, etwa mit demokratiefördernden Angeboten.

Wieso ist die Demokratie so wichtig?

Wenn Jugendliche Vertrauen ins politische System und die Demokratie haben, ist die Überzeugungskraft extremistischer Positionen klein. Deshalb müssen unsere Schulen die Vorteile und das Funktionieren der Demokratie schon früh vermitteln. Wichtig ist, den Jugendlichen Erlebnisse zu ermöglichen, bei denen sie merken, dass ihnen tatsächlich Gehör geschenkt wird.

Wer extremistische Einstellungen hat, hängt oft auch Verschwörungstheorien an, wie ihre Studie belegt. Wieso?

Wir leben in einer komplexer werdenden Welt mit einer riesigen Informationsflut. Wer das nicht aushält, sucht sich einen sicheren Hafen. Verschwörungstheorien geben einfache Erklärungen, machen die Dinge übersichtlich und geordnet. Mit den sozialen Medien wurde zudem eine Infrastruktur geschaffen, die die Verbreitung solcher Theorien befeuert.

Dirk Baier

Der Professor am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hoschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ist Mitautor der Studie zu Extremismus bei Schweizer Jugendlichen.

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