Leopard für Serra: Überraschender Sieger in Locarno
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Leopard für SerraÜberraschender Sieger in Locarno

«Historia de la meva mort» des Spaniers Albert Serra hat überraschend den Goldenen Leoparden des Festival del film in Locarno gewonnen.

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Das 66. Internationale Filmfestival von Locarno ist am Samstag mit der Preisverleihung zu Ende gegangen. Abräumer des Abends war der spanische Regisseur Albert Serra. Für seinen Film «Historia de la meva mort» bekam er den Goldenen Leoparden verliehen.

Das zweieinhalbstündige, konversationslastige Werk führt Casanova mit Dracula zusammen. Der Regisseur selber hatte den Film im Vorfeld «makellos» genannt.

Der Spezialpreis der Jury ging an «E agora? Lambra-me», der auch den Fipresci-Preis und einen Preis der Jugendjury erhielt. Der Portugiese Joaquim Pinto, der seit fast 20 Jahren mit HIV und Hepatitis infiziert ist, dokumentiert darin seine Teilnahme an einer Studie mit toxischen, bewusstseinsverändernden Substanzen. Mit 164 Minuten Länge erfordert der zweitplatzierte Film noch mehr Sitzfleisch als der erste.

Der Silberne Leopard für die beste Regie ging nach Südkorea an Hong Sangsoo für «U ri sunhi», einen sehr statischen Film über eine junge Frau und wie sie von drei in sie verliebte Männer gesehen wird. Eine Silberne Darsteller-Trophäe erhielt Fernando Bacilio für seine fast stumme Rolle in «El mudo».

Heimlicher Sieger des Festivals ist allerdings «Short Term 12» des Amerikaners Destin Cretton: Der Film über eine junge Frau, die in einer Auffangstation für problembelastete Jugendliche arbeitet, erhielt auf dem Festival minutenlangen Applaus und wurde mit insgesamt drei Preisen ausgezeichnet, darunter dem Silbernen Leoparden für die beste Hauptdarstellerin Brie Larson.

A Star is born

Es ist nicht deren erste Auszeichnung dieses Jahr. Im März war die 23-Jährige die Sensation am Festival South by Southwest in Austin, Texas: Dort erhielt sie für «Short Term 12» den Jury- und den Publikumspreis. Kurz darauf wählte die Zeitschrift «Entertainment Weekly» Larson zu den zehn meistversprechenden Newcomern.

Im Gegensatz zu anderen in Locarno ausgezeichneten Filmen wird das Schweizer Kinopublikum «Short Term 12» entdecken dürfen: Der Streifen hat in Locarno einen hiesigen Verleih gefunden, wie Festivalsprecherin Ursula Pfander der Nachrichtenagentur SDA sagte.

Achtungserfolg für Schweizer Film «Tableau noir»

Numerisch am drittmeisten Nennungen auf den zahlreichen Ranglisten hatte nach «Short Term 12» und «E agora? Lambra-me» der Schweizer Film «Tableau noir» von Yves Yersin.

Die Dokumentation über eine abgelegene Schule im Jura erhielt im Hauptwettbewerb eine Lobende Erwähnung, eine weitere gab es von der Ökumenischen Jury. Die Jugendjury verlieh dem Streifen den Umweltpreis.

Nachwuchs-Leopard für Gondel-Pilger

Keine Überraschung gab es im Nachwuchswettbewerb «Cineasti del presente»: Hier ging der Goldene Leopard an «Manakamana», eine unkommentierte Dokumentation über nepalesische Pilger, die mit der Gondelbahn zu einem Tempel hoch und wieder hinunter fahren. «Das Kinoerlebnis des Jahres» hatte unter anderem das Internetportal indiewire.com gejubelt.

Wie schon in früheren Jahren bewies das Piazza-Publikum ein gesundes Misstrauen gegenüber Blockbustern: Es widerstand grossen Namen wie Christoph Blocher in «L'Expérience Blocher, Denzel Washington in «2 Guns», Michael Caine in «Mr. Morgan's Last Love» oder Rachel McAdams in «About Time». Es schenkte sein Herz stattdessen der leicht behinderten «Gabrielle» der Französin Louise Archambault.

Noch sind die Eintrittszahlen der 66. Festivalausgabe, der ersten unter Carlo Chatrian, nicht bekannt. Man gehe von einer Konsolidierung aus, das heisst um die 160'000 Besucher, sagte Festivalsprecherin Pfander der SDA. (los/sda)

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