Aktualisiert 30.06.2011 10:21

Einschätzung

Überraschung bei der Wahl der ZKB-Spitze

Der weisse Rauch über dem Dach an der Bahnhofstrasse 9 brachte eine grosse Überraschung. Nicht der umstrittene Kandidat der SVP wurde neuer Präsident der Zürcher Kantonalbank, sondern der FDP-Mann.

von
Lukas Hässig
Revolution bei der ZKB?

Revolution bei der ZKB?

Jörg Müller-Ganz statt Bruno Dobler, FDP statt SVP, Machtmensch statt Provinz-Unternehmer. Was auf dem Papier viele überzeugt, ist in der politischen Realität eine grosse Überraschung. Denn nicht der Kandidat der stimmstarken Volkspartei machte am Donnerstag das Rennen um den Präsidentenjob der Zürcher Kantonalbank (ZKB), sondern der Mann des geschundenen Zürcher Freisinns.

Man mag einwenden, dass die wochenlange Kritik an der Eignung von SVP-Dobler ein solches Resultat erwarten liess. Auch hatte die «NZZ am Sonntag» schon vor Monaten genau dieses Szenario als wahrscheinlich geschildert. Und die SVP hat mit einem zweiten Kandidaten für den Bankrat der ZKB – dem Pendant des Verwaltungsrats in «normalen» Firmen – bereits im Vorfeld der Wahlen Schiffbruch erlitten. Die Folge ist eine unschöne Vakanz im Leitungsgremium der Staatsbank.

Auf dem linken Fuss erwischt?

Trotzdem: Dass die derzeit nur 12 Bankräte den SVP-Schützling am Donnerstag groundeten und nur zum Vizepräsidenten kürten, kommt angesichts der politischen Kräfteverhältnisse unerwartet; dass ausgerechnet die Freisinnigen und nicht die Sozialdemokraten als zweite Schwergewichtspartei zum Handkuss kommen, macht die Sache besonders pikant.

Wurde die SVP auf dem linken Fuss erwischt? Oder hat sie der FDP freiwillig den Vortritt gelassen, weil sie ihren Dobler – ein ehemaliger Aviatik-Unternehmer und heutiger Präsident der Toggenburg Bergbahnen – auch nicht mehr als Ideal-Besetzung für das oberste Amt der drittgrössten Schweizer Bank erachtet?

Mehr als nur Taktik?

«Und sie bewegt sich doch», könnte man sagen. Die ZKB geriet vor den beiden Wahlgeschäften – am Montag winkte der Kantonsrat als zuständiger Wahlkörper die 12 kandidierenden Bankräte noch mehr oder weniger schlank durch, jetzt wählten diese Bankräte ihr Präsidium – in mediales Sperrfeuer. Die NZZ hatte eine Kritik der Finanzaufsicht Finma publik gemacht. Ein vollamtliches Dreier-Präsidium, das weit ins Tagesgeschäft hineingreift, sei ein Anachronismus und ein Verstoss gegen eine klare Trennung von Verantwortlichkeiten an der Spitze des Unternehmens. Keine gute Corporate Governance, nennt man das auf Neudeutsch.

Weil aber die ZKB die ZKB ist und sich selbst zu genügen scheint, würde der Warnschuss aus Bern ausser Wind nichts bewirken, dachte manch einer. Nun deutet Doblers Nichtwahl auf Anderes hin. Mit Müller-Ganz setzte sich ein Mann mit deutlich mehr Finanz- und Führungserfahrung durch. Völlig immun gegen Kritik von aussen scheint man am ZKB-Hauptsitz an der Bahnhofstrasse 9 im Zürcher Bankenzentrum offenbar doch nicht zu sein.

Revolution bei der ZKB?

Dabei hätten die 12 Bankräte ein simples Argument gegen die Berner Nörgler gehabt. Im Unterschied zu den beiden Grossbanken, die mit ihren Riesenverlusten die Schweiz in der grossen Finanzkrise in Schieflage gebracht hatten, hielten sich die Unfälle bei der Nummer eins unter den Kantonalbanken bisher in engen Grenzen. Die ZKB wäre zwar von ihrer Grösse her ebenfalls «Too Big to Fail» für den Wirtschaftskanton Zürich. Doch noch ist dieses Szenario rein theoretisch.

Vielleicht ist die heutige Überraschungswahl ein erster Schritt einer Revolution bei der ZKB. Vielleicht ist er aber auch nur ein Entgegenkommen an die Kritiker, um diese zu besänftigen.

Fehler gefunden?Jetzt melden.