Aktualisiert 22.06.2011 07:51

Schuldenkrise

Übersteht Bankensystem Hellas-Kollaps?

Wenn Athen in die Pleite rasselt, sind die Schweizer Banken fürs erste fein raus. Mit der Bankrotterklärung der Griechen könnte aber das ganze Finanzsystem aus den Fugen geraten.

von
Sandro Spaeth
Zuerst Griechenland, dann Portugal? Die Krise im Euro-Raum stellt das Finanzsystem auf die harte Probe.

Zuerst Griechenland, dann Portugal? Die Krise im Euro-Raum stellt das Finanzsystem auf die harte Probe.

Über Athen schwebt der Pleitegeier – und dieser Tage fliegt der Vogel noch etwas tiefer als sonst. Wenn sich das griechische Parlament bis Ende Monat nicht auf einen neuen Sparplan einigt, überweisen die Euro-Länder keinen Cent mehr. Für Griechenland würde dies Mitte Juli das Aus bedeuten: Banker sprächen dann von einem Default – Bürger vom Bankrott.

«Ökonomen und Politiker wissen seit über einem Jahr, dass Athen seine Schulden nicht in den Griff kriegen wird», sagt der emeritierte Bankenprofessor Hans Geiger. Würde Griechenland in einen ungeordneten Konkurs schlittern, hätte das Finanzsystem laut Geiger ein riesiges Problem. Andere Experten, darunter EZB-Direktionsmitglied Jürgen Stark, warnen vor einer Kettenreaktion wie bei der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008.

Wen reissen die Griechen alles mit?

Wird das Finanzsystem den Griechen-Kollaps überstehen? Geiger: «Es ist schwierig, optimistisch zu sein.» Nahezu sicher ist: Erklärt Athen die Zahlungsunfähigkeit, dürften die griechischen Banken kollabieren. Ihre Forderungen gegenüber dem Staat belaufen sich auf über 60 Milliarden Euro.

Die griechischen Finanzinstitute darf man allerdings nicht isoliert betrachten: So ist beispielsweise das fünftgrösste Institut, die Emporiki Bank, eine Tochter der französischen Crédit Agricole. Die Abwärtsspirale dürfte also auch die französischen Banken mitreissen. Zusammengezählt halten sie griechische Anleihen von über 15 Milliarden Dollar. Womöglich wird damit eine Kettenreaktion ausgelöst, denn französische Banken sind auch im angeschlagenen Portugal engagiert.

Stark gefährdet sind auch deutsche Institute. Sie haben gemäss der Quartalsstatistik der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) kumulierte Griechenlandrisiken von 22,7 Milliarden Dollar in ihren Büchern. Am meisten hält mit 2,9 Milliarden Euro die Commerzbank. Nummer zwei ist mit 1,6 Milliarden Euro die Deutsche Bank.

Viel Zeit für Vorbereitung

Etwas Hoffnung entnimmt Geiger dem Umstand, dass die Banken mehr als ein Jahr lang Zeit hatten, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. «Der Lehman-Crash kam überraschend – der Totalausfall der Griechen nicht.» In Anlehnung an die Staatspleiten in Südamerika in den Achtzigerjahren müssten Griechenlands Gläubiger davon ausgehen, sich 50 bis 80 Prozent ihrer Forderungen ans Bein zu streichen. Dass Banken damit rechnen, zeigt die Deutsche Bank. Sie hat die griechischen Anleihen laut eigenen Angaben auf den aktuellen Marktwert abgeschrieben.

Ihre Griechenland-Risiken im Griff haben die Schweizer Banken. Die UBS hatte laut Geschäftsbericht Ende 2010 griechische Papiere von lediglich 38 Millionen Franken in den Büchern, wie sie auf Anfrage von 20 Minuten Online bestätigt. Bei der Credit Suisse ist der Bestand an Forderungen gegenüber Griechenland laut Sprecher Marc Dosch unerheblich – in Nettozahlen waren das per Ende März 2011 deutlich weniger als 100 Millionen. Dass die Schweizer Grossbanken in der Euro-Peripherie nicht besonders stark exponiert sind, bestätigte letzte Woche in ihrem Bericht zur Finanzstabilität auch die Schweizerische Nationalbank. Die Notenbanker warnten aber vor einem Schaden: Über die Hintertür «substanzieller Preiskorrekturen» auf den Finanzmärkten wären auch die beiden Schweizer Grossbanken von einem Negativszenario betroffen.

EZB hat Pulver verschossen

Ob das internationale Bankensystem einen Kollaps Griechenlands verkraften könnte, kann derzeit niemand voraussagen. Im Fall der Lehman-Pleite hatten die Zentralbanken eingegriffen und das System vor dem endgültigen Zusammenbruch bewahrt. «Die Zentralbanken haben ihr Pulver nun aber bereits grösstenteils verschossen», warnt Geiger. Die Europäische Zentralbank hatte im letzten Jahr bereits Anleihen finanzschwacher Euroländer im Wert von 70 Milliarden Euro gekauft, über die Hälfte davon von Griechenland.

Das das Finanzsystem im Falle eines Bankrotts von Athen gefährlich wanken könnte, dürfte auch mit Absicherungsgeschäften zusammenhängen. Die sogenannten Credit Default Swaps würden im Fall einer Pleite sofort fällig. «Was das auslösen könnte, ist völlig unklar», sagte Dirk Schiereck von der Technischen Universität Darmstadt jüngst zur Nachrichtenagentur dpa. Fakt ist: Trotz Absicherung kann sich im Krisenfall niemand sicher sein, ob sein Vertragspartner auch wirklich einspringen kann.

Griechen warteten auf 12 Milliarden Euro

Athen wartet derzeit gespannt auf die nächste 12 Milliarden Euro schwere Tranche aus dem Rettungspaket. Vor mehr als einem Jahr schnürten die EU-Länder, EZB und IWF ein 110 Milliarden Euro umfassendes Rettungspaket. Dieses reicht allerdings bei weitem nicht aus, um die Griechenland-Krise zu bewältigen. Dem Vernehmen nach dürfte ein zweites Rettungspaket bis zu 120 Milliarden Euro kosten. Der Schuldenberg der Griechen hat sich auf 350 Milliarden Euro angehäuft. Das sind fast 160 Prozent der Wirtschaftsleistung.

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