Börsen-Talfahrt: «Übertriebene Kurse schreien nach Korrektur»
Aktualisiert

Börsen-Talfahrt«Übertriebene Kurse schreien nach Korrektur»

Die Aktienmärkte tauchen weltweit. Börsenexperte Jörn Spillmann erklärt, warum eine Kurskorrektur längst überfällig war.

von
Dominic Benz
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Weltweit sind die Börsen auf Sinkflug. An der Wall Street brach Panik aus.

Weltweit sind die Börsen auf Sinkflug. An der Wall Street brach Panik aus.

AP/Richard Drew
Am Montag ging der US-Leitindex Dow Jones mit einem Minus von knapp 5 Prozent aus dem Handel. Zwischenzeitlich tauchte er um fast 10 Prozent.

Am Montag ging der US-Leitindex Dow Jones mit einem Minus von knapp 5 Prozent aus dem Handel. Zwischenzeitlich tauchte er um fast 10 Prozent.

AP/Richard Drew
Der Minus von über 1100 Zählern ist beim Donw Jones der grösste Punkteverlust an einem Tag seit der Einführung des Index' vor über 100 Jahren.

Der Minus von über 1100 Zählern ist beim Donw Jones der grösste Punkteverlust an einem Tag seit der Einführung des Index' vor über 100 Jahren.

AP/Richard Drew

Herr Spillmann, wieso befinden sich die Börsen auf Talfahrt?

Die Kurse haben seit Anfang Jahr vor allem in den USA nochmals stark zugelegt. Es gibt übertriebene Bewertungen. Das sieht man an den hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen. Unter dem Strich sind das ungesunde Bewegungen, was förmlich nach einer Korrektur schreit. Nach dem monatelangen Aufwärtstrend an den Börsen ist eine solche längst überfällig.

Viele Anleger sind in Panik, und Sie sprechen nur von einer Korrektur...

Die Fundamentaldaten der Aktienmärkte sind nach wie vor sehr gut. Wir hatten auch am Montag keine schlechten Nachrichten. Auch die Konjunkturdaten sind positiv. Was aber neu ist: Die Sorgen, dass die Inflation stärker kommen könnte als ursprünglich gedacht. Darauf müssten die Zentralbanken mit einer Erhöhung der Leitzinsen reagieren. Das ist keine gute Nachricht für die Aktienmärkte, weil schlecht für die Unternehmen: Wenn die Zinsen steigen, wird es für sie teurer, sich am Kapitalmarkt zu finanzieren. Die Gewinne bei den Unternehmen fallen dann nicht mehr so hoch aus.

Was befeuerte die Inflationsangst?

Der Arbeitsmarktbericht in den USA war sehr gut. Er zeigte auch, dass die Löhne überraschend deutlich gestiegen sind. Das löste Inflationsängste aus, die zum jüngsten Absturz beigetragen haben.

Ist es nun eine Korrektur oder doch die grosse Angst vor der Inflation?

Es ist eine Korrektur im Aufwärtstrend. Auch von einem Bärenmarkt, also einem Abwärtstrend, kann nicht die Rede sein. Für einen solchen bräuchte es eine Rezession. Aber derzeit boomt die Wirtschaft.

Überrascht Sie der Absturz?

Mich überrascht nur die Heftigkeit. Die Investoren haben auf einen Tagesrückschlag im Bereich von zwei bis drei Prozent gewartet. Auch in diesem Bereich hatte es schon lange keine Korrektur mehr gegeben.

Verstärkt der automatische Handel einen solchen Crash?

Das ist in den letzten Jahren immer wieder mal passiert. Daher ist das durchaus möglich. Aber eigentlich sollte es mittlerweile Mechanismen geben, die das verhindern.

Gibt es Grund zur Panik?

Wir sehen dafür keinen Grund. Der globalen Wirtschaft geht es gut. Es müsste sich erst das gesamte konjunkturelle Bild verdüstern.

Sind jetzt alle an der Börse Verlierer oder gibt es mit dem Crash auch Gewinner?

Gewinner sind die, die auf eine Korrektur gesetzt und sich entsprechend abgesichert haben. Das kann man zum Beispiel über die Derivatenmärkte tun. Aber letztlich haben die meisten verloren.

Was bedeutet das für den Schweizer Markt?

Die Korrektur in den USA kam für die europäischen Märkte nachbörslich. Daher werden die Märkte am Dienstag darauf reagieren. Das Minus ist deutlich, wie wir sehen.

Geht es nun weiter bergab?

Wenn es eine Korrektur der Bewertungen ist, wäre der Markt nach dieser Bereinigung wieder fair bewertet. Bleiben die Fundamentaldaten weiter gut, dürften die Märkte den Aufwärtstrend wieder fortsetzen. Dieser wird aber nicht so stark ausfallen wie im letzten Jahr. Die Gewinne werden kleiner sein. Aber die Märkte haben gute Chancen, 2018 positiv abzuschliessen.

Was sollen Privatanleger mit ihrem Portfolio machen?

Wer schon investiert ist, sollte das auch bleiben. Es kann noch einige Prozentpunkte weiter nach unten gehen. Das wird sich aber wieder schnell erholen. Wer also noch nicht im Markt ist, der könnte jetzt die tieferen Kurse als Kaufgelegenheit nutzen.

Die Zeit des billigen Zentralbankgeldes scheint vorbei. Das ist schlecht für die Unternehmen. Muss ich mir als Schweizer Angestellter nun Sorgen machen?

Für die Entwicklung am Arbeitsmarkt spielt die Konjunktur die zentrale Rolle. Eine geldpolitische Wende, also weniger billiges Geld als zuvor, bedeutet nicht, dass die Zentralbanken die Konjunktur abwürgen. Im Gegenteil setzen sie damit das Signal, dass sie die Wirtschaft als robust erachten und Inflationsgefahren vorbeugen wollen. Die Schweizer Arbeitnehmer profitieren sogar von der global guten konjunkturellen Entwicklung und dem Umstand, dass der Franken an Wert verloren hat, weil er als sicherer Hafen derzeit kaum gefragt ist.

Hat der Crash auch Einfluss auf unsere Pensionskassen, da die Vorsorgegelder auch in Aktien investiert sind?

Der Crash hat sicherlich auch Auswirkungen auf die Pensionskassen, diese dürften sich aber in engen Grenzen halten. Pensionskassen sind dazu verpflichtet, ihre Gelder konservativ zu investieren und das Risiko von Marktschwankungen in ihren Portfolios möglichst gering zu halten. Die Aktienquoten sind dementsprechend relativ gering. Darüber hinaus haben sie einen langfristigen Anlagehorizont, bei dem derartige Korrekturen kaum Spuren hinterlassen.

Jörn Spillman ist Leiter Aktienstrategie bei der Zürcher Kantonalbank.

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