Aktualisiert 15.05.2013 06:01

Wirkungslose Repression

Überwachung verhindert Jugendgewalt nicht

Rund 150 Projekte wurden im Rahmen des nationalen Programms gegen Jugendgewalt lanciert. Dabei zeigt sich: Repression nützt kaum, viel wichtiger ist der Dialog mit den Jugendlichen.

von
J. Pfister

Streitschlichter an Schulen, Mediatoren auf den Strassen oder Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Das sind nur drei von über 150 Projekten, die Bund, Kantone und Gemeinden im Rahmen des nationalen Programms gegen Jugendgewalt seit 2011 ins Leben gerufen oder mitverfolgt haben. Das Ziel des fünfjährigen Programms: die Gewalttaten unter Jugendlichen zu verhindern. «Wir sind auf einem guten Weg», sagt Thomas Vollmer, Leiter Ressort Jugendschutzprogramme vom Bundesamt für Sozialversicherung am Halbzeit-Treffen der Behörden am Montag in Zürich.

Zumindest die Zahlen geben Vollmer recht. Seit 2010 ging die Zahl der Jugendkriminalität laufend zurück. «Wir gehen davon aus, dass die Prävention mitverantwortlich für diesen Rückgang ist», sagt Vollmer. Gerade in den Schulen habe sich mit zusätzlichen Sozialarbeitern und anderen Projekten die Lage enorm verbessert. Allerdings zeige sich eine Verschiebung von Gewalttaten in Schulen hin zum öffentlichen Raum. Um dort die Jugendlichen zu erreichen, wollen die Behörden vor allem auf den Dialog setzen. «Es hat sich gezeigt, dass es wirkungsvoller ist, niederschwellig auf die Jungen zuzugehen als mit repressiven Instrumente wie beispielsweise der Videoüberwachung gegen die Gewalt vorzugehen.»

«Keinerlei abschreckende Wirkung»

Das Fazit der Videoüberwachung, welche die Stadt Luzern 2008 eingeführt hat, ist tatsächlich verheerend. «Die sechs installierten Kameras haben keinerlei abschreckende Wirkung zur Verhinderung von Straftaten», sagt Maurice Illi, Sicherheitsmanager der Stadt Luzern. Schlägereien würden meist im Affekt passieren, da nütze eine Kamera nichts. Zwar hätten die Kameras Jugendliche vertrieben - allerdings habe es sich dabei vor allem um friedliche Gruppen gehandelt. Nun würden sich vor allem Randständige auf den Plätzen wie dem Bahnhof aufhalten. «Politiker sollten sich also immer fragen, was für ein Stadtbild sie mit solchen Massnahmen erreichen wollen», sagt Illi.

Bessere Erfahrungen hat der Kanton Wallis gemacht, dessen Mediatoren-Projekt inzwischen auch in Waadtländer Gemeinden übernommen wurde. «Mediatoren suchen den direkten Kontakt zu schwierigen und ausgegrenzten Jugendlichen auf der Strasse oder anderen Plätzen», sagt Jean-Jacques Homberger. Ziel sei, einen gewissen sozialen Frieden auf der Strasse wiederherzustellen, indem man die Jugendlichen an bestehende Netzwerke an Ansprechstationen weiterverweist. «Die Jungen reagieren viel offener und kooperativer, wenn man sie in ihrem normalen Umfeld auf ihre Probleme anspricht», sagt Homberger.

Koexistenz statt Vertreibung

Wie wichtig der direkte Kontakt ist, weiss auch Philipp Kutter, Stadtpräsident von Wädenswil. «Jugendliche gehen bei offiziellen Mitwirkungsprozessen oft vergessen.» Gerade auch, wenn es um öffentliche Räume geht, in denen sie sich bewegen. Im Rahmen des Projekts «Platzda» setzt Wädenswil deshalb auf Koexistenz statt auf Vertreibung. So konnten sich Jugendliche aktiv einbringen, als es um die Gestaltung des Bahnhofs Au ging, wo aufgrund von Littering oder Ausschreitungen der Ruf nach mehr Polizei, Absperrgittern oder der Videokameras laut wurde. Das Fazit: «Es gibt weniger Konflikte und Jung und Alt fühlen sich wohl.»

Kutti MC singt gegen Gewalt

Jugendgewalt figuriert auf dem Sorgenbarometer von Jugendlichen nach wie vor weit oben. Nun hat Radix Schweizerische Gesundheitsstiftung mit Unterstützung durch das nationale Präventionsprogramm Jugendundgewalt.ch vier Unterrichtslektionen für die Präventionsarbeit zur Jugendgewalt entwickelt. Die Grundlage dazu ist der Song «Opferbrief» von Kutti MC. Im Musikvideo spielen neben ihm weitere Künstler wie Stephan Eicher, Baschi oder Biru (Round Table Knights) mit.

Vor rund zehn Jahren sei ein Lehrer von Jugendlichen in Bern grundlos zum Krüppel geschlagen worden, erinnert sich Kutti MC: «Dieser Fall war der Auslöser, den Song zu schreiben.» Mit dem Song wolle er den betroffenen Opfern eine Stimme geben. kis

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