Aktualisiert 23.07.2014 16:07

VOX-Analyse

«Ueli Maurers Witze waren nicht alleine schuld»

Politologe Thomas Widmer sagt, was beim Gripen falsch lief, und erklärt, warum die Vox-Analyse diesmal bei der Stimmbeteiligung der Jungen nicht mehr danebenhaut.

von
Romana Kayser

Gemäss der Vox-Analyse hat die gespaltene Mitte wesentlich zum Scheitern der Gripenvorlage beigetragen. Wie kam es dazu?

Thomas Widmer: Im Gegensatz zu anderen Militärvorlagen war die Unterstützung in armeefreundlichen Kreisen nicht so umfassend, wie dies sonst der Fall ist. Rund ein Viertel der Personen, die für eine starke Armee eintreten, haben den Gripen abgelehnt. Das ist sehr überraschend.

Warum haben es die Gripen-Befürworter nicht geschafft, die Vorlage zu einer «Armee: Ja oder Nein»-Frage zu machen?

Es gab zu viele offene Fragen und Unstimmigkeiten in Bezug auf den Gripen. Finanzielle Bedenken, Unsicherheiten über die Ausrichtung der Armee sowie Zweifel bezüglich des Auswahlverfahrens haben viele Armeefreunde dazu bewogen, gegen den Gripen zu stimmen. Wenn es den Befürwortern gelungen wäre, die Verbindung zwischen Armee und Gripen überzeugender herzustellen, hätte das Resultat möglicherweise anders ausgesehen. Viel hat nicht gefehlt.

Im Rahmen des Abstimmungskampfes kam es zu diversen Pannen, wie etwa Ueli Maurers frauenfeindliche Witze. Inwiefern haben diese das Ergebnis beeinflusst?

Die verschiedenen missglückten Aktionen im Rahmen der Kampagne haben die Unsicherheit seitens der Armeebefürworter noch verstärkt. Welcher Tropfen das Fass letztlich zum Überlaufen gebracht hat, ist schwierig zu sagen. Maurers Witze haben da sicher nicht geholfen. Aber ich würde nicht sagen, dass Maurer allein schuld am Scheitern des Gripens war.

Am 18. Mai ist auch die Mindestlohn-Initiative deutlich abgelehnt worden - als eine von vielen linken Wirtschaftsinitiativen, die klar gescheitert sind. Was bedeutet dies für kommende Initiativen aus dem linken Lager, etwa die Erbschaftssteuerinitiative?

Prognosen kann ich keine machen. Linke Initiativen sind aber in der Regel nicht mehrheitsfähig. Speziell bei der Mindestlohn-Initiative war aber, dass es auch im linken Lager keine fulminante Unterstützung für die Vorlage gab, viele SP-Vertreter hegten Zweifel. Zudem waren diesmal im Abstimmungskampf auch die Wirtschaftsvertreter sehr stark präsent. Diese wollten eine weitere Niederlage wie bei der Abzocker-Initiative um jeden Preis verhindern.

Diejenigen, die von der Mindestlohn-Initiative am direktesten betroffen waren - nämlich die Leute mit tiefem Lohn -, blieben der Urne am ehesten fern. Warum?

Bei tiefen Einkommensklassen gibt es generell eine geringere Stimmbeteiligung. Interessant ist, dass bei jenen, die an der Urne waren, der Anteil der Ja-Stimmenden nicht besonders hoch war. Offenbar haben sich die Personen, die im Niedriglohnsektor tätig sind, von den Drohungen der Initiativgegner beeindrucken lassen.

Die Stimmbeteiligung war mit 55,5 Prozent überdurchschnittlich hoch. Wie erklären Sie sich das?

Bei dieser Abstimmung wurden viele verschiedene Kreise angesprochen. Die Diskussion der Pädophilen-Initiative war sehr emotional, die Mindestlohn-Initiative löste ökonomische Überlegungen aus und beim Gripen standen armee- und sicherheitspolitische Fragen im Vordergrund. In dieser Kombination führten die verschiedenen Vorlagen zu einer hohen Stimmbeteiligung.

Wie haben Sie es geschafft, dass der Wähleranteil der Jungen mit 41 Prozent nun einiges realistischer erscheint als bei der letzten Umfrage?

Als Reaktion auf die wenig plausiblen Zahlen der letzten Vox-Analyse haben wir diesmal eine verbesserte Methode angewendet. Neu wurde die Stimmbeteiligung aufgrund von Stimmregisterdaten aus dem Kanton Genf, der Stadt St. Gallen und diversen Tessiner Gemeinden ermittelt. Dies führt zu belastbaren Ergebnissen. Die Methode muss aber noch weiter optimiert werden.

Thomas Widmer ist Professor am Institut für Politikwissenschaften an der Universität Zürich. Er ist der Haupverantwortliche der Vox Analyse zu den eidgenössischen Abstimmungen vom 18. Mai 2014.

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