Gas-Deal aufgegleist: Ukraine: Der lachende Dritte wird China sein
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Gas-Deal aufgegleistUkraine: Der lachende Dritte wird China sein

Aufgrund der Krise in der Ukraine darf China auf billigeres Erdgas aus Russland hoffen. Ein praktisch unterschriftsreifer Vertrag könnte dem Westen geopolitisch schaden.

von
Martin Suter
New York
Chinas Präsident Xi Jinping (links) erwartet dank der Ukraine-Krise kostengünstige Gaslieferungen aus Russland. Das Bild zeigt Xi im März 2013 zu Besuch bei Wladimir Putin in Moskau.

Chinas Präsident Xi Jinping (links) erwartet dank der Ukraine-Krise kostengünstige Gaslieferungen aus Russland. Das Bild zeigt Xi im März 2013 zu Besuch bei Wladimir Putin in Moskau.

Wenn Xi Jinping den Mund verzieht, sieht er manchmal aus wie ein schelmisch grinsender Tiger. Seit sich die Krise in der Ukraine zuspitzt, hat der chinesische Präsident einigen Grund zur Freude. Sein Land wird nämlich von der Entfremdung zwischen Wladimir Putin und dem Westen profitieren und künftig russisches Gas zum Discountpreis erhalten.

Ob der Mega-Deal zustande kommt, wird sich in zwei Wochen weisen. Am 20. Mai wird Russlands Präsident nach Schanghai reisen und dort, so glauben viele Beobachter, einen entsprechenden Vertrag unterzeichnen. Dieser könnte die Welt verändern wie wenige Abkommen vor ihm.

Ein Viertel des Bedarfs gedeckt

Die Rede ist von einem Gasvertrag zwischen zwei staatlichen Giganten, dem russischen Erdgas-Monopolkonzern Gazprom und der China National Petroleum Corporation (CNPC). Er sieht die Lieferung von jährlich 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Ostsibirien über eine erst noch zu bauende Pipeline nach China vor. Das russische Gas soll voraussichtlich ab 2018 fliessen und würde ein Viertel des chinesischen Bedarfs decken.

Ein Liefervertrag zwischen Russland und China wurde erstmals 1997 ins Auge gefasst, kam aber nie zustande. Der Grund lag in unterschiedlichen Preisvorstellungen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters soll Gazprom heute bereit sein, das Gas zum Preis von 10 bis 11 US-Dollar pro Million Britische Wärmeeinheiten (BTU) zu liefern. Das ist wesentlich billiger als frühere Angebote. Laut einer anonymen Gazprom-Quelle ist der Deal praktisch im Kasten: «Die Wahrscheinlichkeit, dass er unterzeichnet wird, beträgt 98 Prozent.»

Europäische Kundschaft wird unsicher

Der Grund für die plötzliche Flexibilität von Gazprom liegt in der Ukraine-Krise. Zwar ist Europa in einem hohen Mass von russischem Gas abhängig. Umgekehrt braucht Russland mindestens so dringend die europäische Kundschaft – und die zögert zunehmend. Bisher haben die USA und die EU-Staaten den russischen Energiesektor zwar noch nicht mit Sanktionen belegt. Doch die Gazprom-Führung kann die Zeichen der Zeit lesen und geht davon aus, dass Europa mittel- und längerfristig seine Abhängigkeit von russischer Energie abschütteln will. Die drohende Absatzlücke soll China füllen.

Die Aussicht auf den Grossdeal ist womöglich ein Grund dafür, dass China bisher kaum gegen die Einverleibung der Krim-Halbinsel in Russland protestiert hat. Peking verurteilt es sonst immer, wenn Staaten sich in die Angelegenheiten anderer Staaten einmischen. Aber beim Krim-Votum im UNO-Sicherheitsrat enthielt sich China der Stimme.

Eine neue Weltordnung als späte Folge

Die wirtschaftlichen Auswirkungen eines Gasliefervertrags – positiv für Russland wie für China – sind nur das eine. Der Deal hätte auch politische Folgen, angefangen in der Ukraine, sagt Energieexperte Keun-Wook Paik laut der Zeitschrift «Foreign Policy»: «Die Strategie der USA und der EU, Russland mit Sanktionen zu isolieren, würde sehr unwirksam werden.»

Das Abkommen könnte zugleich den Grundstein für ein neues eurasisches Bündnis legen. Sollte sich Putins Russland erfolgreich nach Osten wenden, würde eine gefährliche zweipolige Weltordnung entstehen; die USA und Westeuropa stünden auf der einen und Russland sowie China auf der anderen Seite. Dann hätte sich die kompromisslose US-Politik gerächt, glaubt der russische Politologe Artjom Lukin in einem Beitrag für das Foreign Policy Research Institute: «Dafür, dass sich die USA wegen der östlichen Ukraine mit Russland anlegen, könnten sie in 10 oder 15 Jahren die Quittung erhalten und Ostasien verlieren.»

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